Das Geraderichten des Pferdes beginnt mit dem Geraderichten des Reiters

Das Geraderichten des Pferdes beginnt mit dem Geraderichten des Reiters.

Sobald sich der Reiter auf ein Pferd setzt, haben zwei Körper die Aufgabe sich miteinander auszubalancieren.

Gastbeitrag von Ellen Keßler, Reiten im Dialog

Das Pferd steht auf vier Beinen. Ziehen wir durch alle vier Hufe eine gedachte Linie, entsteht ein Rechteck. Je nach Exterieur ergibt sich so eine größere oder kleinere Unterstützungsfläche. Das Pferd balanciert seinen Körper über dieser Fläche. Ist die Brust schmal und sind die Beine lang, hat das Pferd oft schon ohne zusätzliches Gewicht Mühe, sich über seinen Beinen gut auszubalancieren. Kommt nun noch das Reitergewicht hinzu, potenziert sich diese Aufgabe. Hat der Reiter auch noch einen langen Oberkörper, verschiebt sich der gemeinsame Schwerpunkt noch weiter nach oben und unser langbeiniges und schmalbrüstiges Pferd muss sich sehr geschickt anstellen, um nicht aus der Balance zu kommen.

Die Unterstützungsfläche des Pferdes, sowie die Proportionen von Pferd und Reiter sind also wichtige Merkmale für Balance und Wendigkeit des Pferdes. Nun ist das aber nicht alles, hinzukommt noch die natürliche Schiefe des Pferdes.

Jedes Pferd hat eine hohle und eine steife Seite. Auf der hohlen Seite, meist ist es die linke, biegt es sich besser, schnell auch zu viel. Reiten wir links rum auf dem Zirkel, tritt das Pferd gut an den äußeren Zügel heran und biegt sich um das innere Reiterbein. Der Reiter kann gut innen sitzen.

nach links gebogenes Pferd

Jedes Pferd hat eine hohle und eine steife Seite. Auf der hohlen Seite, meist ist es die linke, biegt es sich besser, schnell auch zu viel.

Reiten wir nun auf der steifen Hand, in unserem Fall rechts rum auf dem Zirkel, fällt das Pferd über die rechte Schulter in den Zirkel hinein, lässt sich schlecht biegen und tritt nicht an den äußeren Zügel heran. Der Reiter kann in dieser Richtung nicht gut sitzen. Meist knickt er in der inneren, der rechten Hüfte ein. Der Grund für dieses unangenehme Sitzgefühl ist der Brustkorb des Pferdes oder besser gesagt, dessen fehlende Rotation auf der steifen Seite.

Wenn wir im Sattel sitzen, sitzen wir auf dem Brustkorb des Pferdes. Wird das Pferd gestellt und gebogen, rotiert der Brustkorb. Er senkt sich minimal innen und hebt sich außen leicht an. Die äußere Schulter des Pferdes wird dabei frei. Der Reiter kann spüren, wie sein innerer Gesäßknochen etwas tiefer kommt und sich der äußere Gesäßknochen anhebt, der Reiter kann gut innen sitzen. Auf der steifen Seite des Pferdes rotiert der Brustkorb nicht so gerne nach innen und unten. Die innere Rückenseite des Pferdes bleibt oben und die äußere unten. Die Ursache hierfür sind die Faszienzüge im Pferdekörper, die Beckenposition und die Stärken und Schwächen eines jeden Hinterbeins.

Zusammenfassend lässt sich sagen, das Pferd hat durch die natürliche Schiefe eine Lieblingsrotationsrichtung für seinen Brustkorb. Bei dem links hohlen Pferd ist meistens die linke Rückenseite etwas tiefer als die rechte. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Kein Körper ist wie der andere. Als Reiter sammle ich über meinen Sitz Informationen über den Pferdekörper. Als eine der ersten Fragen versuche ich herauszufinden, zu welcher Seite das Pferd hohl ist und ob es unterschiedlich hohe Rückenseiten hat und wenn ja, welches die tiefere und welches die höhere Seite ist.


Als Reiter sammle ich über meinen Sitz Informationen über den Pferdekörper. Als eine der ersten Fragen versuche ich herauszufinden, zu welcher Seite das Pferd hohl ist und ob es unterschiedlich hohe Rückenseiten hat und wenn ja, welches die tiefere und welches die höhere Seite ist.

Die hohle Seite des Pferdes mit dem Sitz erspüren

Um das herauszufinden ist es erst einmal gut die eigenen Sitzbeinhöcker im Sattel zu fühlen und die rechte und linke Rückenseite des Pferdes wahrzunehmen. Nun ist es aber so, dass nicht nur das Pferd schief ist, auch jeder Mensch hat eine Schiefe im Körper und manchmal ist diese Asymmetrie schon die Ursache dafür, dass nicht jeder Reiter beide Gesäßknochen gleich gut fühlen kann. In diesem Fall hilft es, auf dem stehenden Pferd, evtl. mit einer zweiten Person zur Hilfe die das Pferd festhält, einmal die eigenen Hände mit den Handflächen nach oben unter den Po zu schieben und nach den Sitzbeinhöckern zu tasten.

Was der Reiter auch noch ausprobieren kann, ist die Knie nach vorne vor die Pauschen der Sattelblätter, also vor den Sattel zu legen, mit oder ohne Handflächen unter dem Po. Nun müssten beide Gesäßknochen zu fühlen sein. Dann die Beine wieder zurücklegen, die Hände wegnehmen und im Stand nachspüren. Der untere Rücken bleibt hierbei aufrecht, eher etwas runder. Nicht ins Hohlkreuz fallen, denn dann schieben sich die Sitzbeinhöcker nach hinten heraus. Bei einem zu runden Rücken wandern die Gesäßknochen in Richtung vorne und heben sich ebenfalls vom Sattel weg. Es geht darum mit dem Becken die Mittelstellung zwischen diesen beiden  Extrempositionen zu finden.

Kann der Reiter nun beide Gesäßknochen gut fühlen, geht es im Schritt auf gerader Linie weiter. Vielleicht stellt sich hier schon heraus, ob eine Rückenseite des Pferdes höher steht als die andere. Ansonsten ist es ein toller Versuch, abwechselnd in beide Richtungen auf dem Zirkel zu reiten und das Sitzgefühl auf der rechten und linken Hand miteinander zu vergleichen. Welche Rückenseite rotiert eher nach oben und auf welcher Hand setzt das Pferd den Reiter gut nach innen und unten?

Auch wir Reiter müssen über unsere eigene Schiefe Bescheid wissen

Wichtig ist auch, dass der Sattel mittig auf dem Pferd liegt, die Steigbügel gleich lang sind und der Reiter nicht in einer Taille einknickt. Wir alle haben eine Beckenseite, die weiter vorne steht, eine Taillenseite die gekrümmter ist und eine gestrecktere Körperseite. Auf welcher Seite tragen wir Frauenlieber die Handtasche? Von welcher Schulter rutscht uns der Träger immer herunter? Welche Schultersteht oben, welche unten und zu welcher Seite ist der Kopf geneigt? Das alles sind Dinge, die wir Reiter über unseren Körper wissen sollten, um im Sattel diesen Haltungsmustern entgegenzuwirken und das Pferd mit unserer eigenen Schiefe nicht noch zusätzlich aus der Balance zu bringen.

Ein guter Test, um herauszufinden auf welcher Seite man dazu neigt einzuknicken, ist sich im hüftbreiten Stand gerade hinzustellen und zu fühlen, wie die eigenen Arme natürlicherweise an den Körper fallen. Meistens hat ein Oberarm deutlich mehr Kontakt zum Brustkorb als der andere. Auf dieser Seite ist unsere Taille gestreckter als auf der anderen, hohleren Seite. Auf der hohlen Seite ist mehr Luft zwischen Arm und Taille.

Oftmals ist die linke Taille die hohle und die rechte Taille die gestreckte Körperseite. Bei den Menschen mit der links hohlen Taille steht, von der Seite gesehen, oft die linke Beckenseite weiter vorne und die linke Schulter weiter hinten. Das führt dazu, dass der linke Unterarm, wenn er entspannt herunterhängt, im Stand mehr Kontakt zur linken Hüfte hat als der rechte Unterarm zur rechten Hüfte. Es ist sehr sinnvoll sich einmal mit etwas Zeit vor einen großen Spiegel zu stellen und von vorne und von der Seite den eigenen Körper und dessen Asymmetrien zu analysieren.

Die natürliche Schiefe von Pferd und Reiter

Umso genauer der Reiter seinen eigenen Körper kennt, desto besser kann er im Sattel darauf achten sich gerade auszurichten. In jedem Fall ist es für uns Reiter nützlich die eigene Schiefe anzugehen. Mit einem guten Physiotherapeuten und einigen sinnvollen Übungen für zu Hause, kann man schon viel Gutes für einen besseren Sitz auf dem Pferd tun.

Nun haben wir also ein schiefes Pferd und einen, um seine eigene Schiefe wissenden Reiter. Wann immer es sich anbietet, ist es äußerst hilfreich auf einem Reitplatz oder in einer Reithalle mit Wandspiegel zu reiten. Mit einem Blick in den Spiegel kann der Reiter sehen, ob sich seine Schultern auf einer Höhe befinden, ob der Kopf gerade ist, die Steigbügel gleich lang sind und er mittig auf dem Pferd sitzt. Von Vorne gesehen und auf einem gerade gestellten Pferdwäre es das Ziel, dass sich Kopf und Oberkörper des Reiters, sowie der Kopf des Pferdes genau zwischen den Vorderbeinen befinden. In der Praxis ist das oft nicht der Fall. Der Reiter sitzt mehr zu einer Seite herüber und auch der Kopf des Pferdes ist zu einer Seite hin verschoben.


Der Reiter sitzt mehr zu einer Seite herüber und auch der Kopf des Pferdes ist zu einer Seite hin verschoben.

Das alles hat letztendlich Auswirkungen darauf, wie das Gewicht von Reiter und Pferd zwischen allen vier Pferdebeinen verteilt wird. Von Natur aus trägt das Pferd auf den Vorderbeinen mehr Gewicht als mit den Hinterbeinen. Dazu kommt, dass ein Vorderbein mehr Gewicht übernimmt als das andere.

Jeder Reiter sollte zum Ziel haben, die Gewichtsverteilung zwischen beiden Vorderbeinen und letztendlich auch zwischen den Vorder- und Hinterbeinen zu verbessern. Durch gute und geeignete, geraderichtende Arbeit wird erreicht, dass kein Bein langfristig mit zu viel Gewichtbelastet wird und dadurch Überlastungen dieser Gliedmaße entstehen.

Ellen Keßler, Reiten im Dialog

Mit dem Reiten von Zirkeln, Schlangenlinien und anderen gebogenen Linien nimmt der Reiter auf Stellung und Biegung Einfluss und versucht auch auf der steifen Seite eine gute Längsbiegung des Pferdes zu erarbeiten. Es ist wichtig mit wirklich großen Linien zu beginnen und das Pferd nicht gleich mit 10-Meter-Volten zu überfordern. Die Faszienzüge im Pferdekörper brauchen Zeit um sich aufzudehen und die Muskulatur auf beiden Körperseiten braucht ebenfalls Zeit sich zu entwickeln.


In der Dehnungshaltung mit genug Länge im Hals und Ganaschenfreiheit, haben alle beteiligten Gelenke im Pferdekörper genug Platz, um auch auf der steifen Seite in die richtige Rotation zu finden.

In der Dehnungshaltung mit genug Länge im Hals und Ganaschenfreiheit, haben alle beteiligten Gelenke im Pferdekörper genug Platz, um auch auf der steifen Seite in die richtige Rotation zu finden. Der Reiter sollte darauf achten, auf der festeren Seite des Pferdes, wenn die innere Rückenseite weiter oben liegt, nicht nach innen und oben auf den Berg zu rutschen, sondern mittig sitzen zu bleiben, auch wenn er das Gefühl hat seinen äußeren Sitzbeinhöcker in der Tiefe zu verlieren. Wichtig ist, dass beide Hinterbeine des Pferdes ihren Job machen, nicht nur das innere Hinterbein muss Last aufnehmen, auch das äußere Hinterbein ist wichtig. Nur wenn dieses Bein weit nach vorne tritt und den Brustkorb des Pferdes gut stützt, kann das innere Hinterbein gut nach vorne und unten unter den Rumpf fußen und dadurch die innere Hüfte nach vorne bringen, womit sich die innere Rückenseite des Pferdes senkt und sich die äußere Schulter anhebt und leicht wird.

Auf größeren und später auch auf kleineren gebogenen Linien, sowie in den Seitengängen, kann der Reiter sein Pferd geraderichten und gymnastizieren. Alle Gelenke im Pferdekörper werden durch diese Arbeit mobilisiert, alle Strukturen gedehnt und die Muskulatur gekräftigt. Der Reiter wird sich auf diesem Weg seiner eigenen Schiefe und Haltung auf dem Pferd bewusst und Reiter und Pferd zusammen, finden mit der Zeit zu Balance und Gleichgewicht.


Auf größeren und später auch auf kleineren gebogenen Linien, sowie in den Seitengängen, kann der Reiter sein Pferd geraderichten und gymnastizieren. Der Reiter wird sich auf diesem Weg seiner eigenen Schiefe und Haltung auf dem Pferd bewusst und Reiter und Pferd zusammen, finden mit der Zeit zu Balance und Gleichgewicht.

Text und Grafiken: Ellen Keßler, Beitragsbild: Karen Diehn

Über Ellen: Ich bin Ellen Keßler von Reiten im Dialog. Als IPZV-Trainerin B und OsteoConcept Coach bin ich für Reitunterricht und Lehrgänge in Norddeutschland unterwegs. Ein gefühlvoller Sitz, der passende Trainingsplan und eine individuelle Ausbildung Pferd und Reiter bilden die Grundlage für meine Arbeit.

Eine Idee zu “Das Geraderichten des Pferdes beginnt mit dem Geraderichten des Reiters

  1. Beate Binder- Carl sagt:

    Liebe Frau Keßler,
    Nun habe ich Ihren Beitrag endlich gelesen, ich habe hier häufig kein Netz.
    Ich finde ihn sehr klar und einleuchtend geschrieben, auch für Laien gut verständlich.
    Sehr schön, herzlichen Glückwunsch!
    LG Beate Binder- Carl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.