Pferdeergotherapie: Was ist das und wie kann sie meinem Pferd helfen?

Artikel aktualisiert am 07.01.2019

Wie du sicherlich schon mitbekommen hast, mache ich derzeit eine Ausbildung als Pferdeergotherapeutin bei der PFERGO-Akademie. Weil Pferdeergotherapie ein ganz neuer Therapieansatz im Pferdesport ist und ich immer wieder gefragt werde, was Pferdeergotherapie überhaupt ist und wie ich als Pferdeergotherapeut einem Pferd helfen kann, möchte ich dir heute erzählen, was hinter der Therapie steckt und wie auch du und dein Pferd davon profitieren.

Hinweis: Der auf dem Foto abgebildete Igelball ist ein Therapiemittel und sollte von dir nicht einfach so eingesetzt werden. Je nach Härte des Balls kann er für dein Pferd auch unangenehm sein.

Ergotherapie: Gesundung durch Handeln und Arbeiten

Pferdeergotherapie ist, wie der Name schon sagt, Ergotherapie für Pferde. Der Begriff Ergotherapie stammt aus dem Griechischen und heißt so viel wie Gesundung durch Handeln und Arbeiten. Die Ergotherapie geht davon aus, dass aktives Handeln eine heilende Wirkung hat. Ein Ergotherapeut hilft Menschen, ihre Handlungsfähigkeit im Alltagsleben (wieder) zu erlangen, um den Alltag so selbstständig und unabhängig wie möglich gestalten zu können.

Die Ergotherapie verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz und fördert ein harmonisches Zusammenwirken von Bewegung, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit.

Eine Grundlage der Ergotherapie ist die Sensorische Integration. Der Begriff geht zurück auf die amerikanische Entwicklungspsychologin Jean Ayers. Bei der Sensorischen Integration handelt es sich um einen neurologischen Prozess der Aufnahme, Weiterleitung, Verarbeitung, Verknüpfung und Interpretation aller Sinnesreize. So werden die von den Basissinnen aufgenommenen Informationen bedeutsam und nutzbar.

Die Sensorische Integration ist bedeutend für die Entwicklung eines Menschen: Das Kind nutzt seine Erfahrungen, um Neues zu lernen. Auf diese Weise entstehen neue Verknüpfungen im Nervengeflecht des Gehirns und der Erfahrungsspeicher wächst. Eine Lernspirale entsteht.

Die Basissinne: taktiles System, propriozeptives System, vestibuläres System

Eine enorm wichtige Bedeutung haben dabei die Basissinne. Die Basissinne informieren das Gehirn über den eigenen Körper und seine Position in der Umwelt. Sie entwickeln sich bereits pränatal, noch ehe weitere Sinne wie Sehen, Hören, Riechen oder Schmecken entstehen, und stellen somit die Basis aller Sinne dar. Du kannst es dir wie einen Baum vorstellen: Die Basissinne sind die Wurzeln, der Stamm besteht aus Sinnen wie Hören, Riechen oder Schmecken und darauf bildet sich die Krone des Baumes, die Aspekte umfasst wie Körperkoordination, Konzentration, Vorstellung, Selbsteinschätzung usw.

Zu den Basissinnen gehören:

  • das taktile System (Wahrnehmung in der Oberflächensensibilität)
  • das propriozeptive System (Wahrnehmung der Tiefensensibilität) und
  • das vestibuläre System (Gleichgewichtswahrnehmung)

Findet bei einem dieser drei Basissinne die Weiterleitung von Reizen nicht entsprechend statt, entstehen Probleme bei der Wahrnehmungsverarbeitung.

Wie äußert sich das?

Wenn die Sinnesinformationen nicht adäquat verarbeitet werden können, entstehen Probleme, das eigene Verhalten den jeweiligen Erfordernissen anzupassen.

Wichtig zu wissen ist, dass es sich hierbei nicht um ein Problem des Gehirns handelt, sondern um ein Problem der Basissinne.

Eine Wahrnehmungsstörung sieht immer anders aus und reicht von Unterempfindlichkeit (in diesem Fall werden Reize nicht oder nur verzögert wahrgenommen) bis hin zur Überempfindlichkeit.

Wenn ein Mensch (oder ein Pferd) beispielsweise propriozeptiv unterempfindlich ist, fällt es ihm schwer, seine Bewegungen richtig zu planen und er (oder es) ist sehr ungeschickt. Ist jemand taktil überempfindlich, hat er zum Beispiel ein Problem mit Berührungen und meidet diese nach Möglichkeit bzw. reagiert auf Berührungen mit Abwehr.

Pferdeergotherapie verhilft dem Pferd zu einem besseren Körpergefühl

PFERGO – Pferdeergotherapie®: die Basissinne fördern und die Lebensqualität der Pferde verbessern

Und was hat das nun mit Pferden zu tun? Eine ganze Menge!

Dr. Ruth Katzenberger-Schmelcher und Yvonne Katzenberger haben das Prinzip der Ergotherapie aus dem Humanbereich auf die Pferde übertragen und festgestellt, dass es viele Parallelen gibt. So ist mit der Zeit die PFERGO – Pferdeergotherapie® entstanden, eine Therapieform, die Pferde mit dem Wissen über die Basissinne fördern und so zu einer Verbesserung der Lebensqualität des Pferdes verhelfen soll.

Denn ähnlich wie bei uns Menschen gibt es auch bei Pferden immer wieder Defizite bei der Wahrnehmungsverarbeitung, die sich im Pferdealltag äußern und vom Pferdebesitzer oft als Unart bezeichnet werden.

Mögliche Verhaltensauffälligkeiten, die auf ein Problem bei der Wahrnehmungsverarbeitung hinweisen können, sind:

  • Gleichgewichtsprobleme
  • Konzentrationsprobleme
  • Koordinationsprobleme
  • Berührungsempfindlichkeit
  • Häufiges Stolpern
  • Soziale Unverträglichkeit
  • Nervosität und Schreckhaftigkeit
  • Probleme beim Einsprühen und/oder Scheren
  • Probleme beim Gurten
  • Durchgehen
  • Buckeln
  • Probleme beim Schmied

(Kleiner Hinweis: Wenn dein Pferd häufig stolpert, dann solltest du immer erst einen Tierarzt und/oder einen Osteopathen anrufen und dein Pferd untersuchen lassen, ehe du einen PFERGO-Pferdeergotherapeuten rufst. Denn: Pferdeergotherapie ist KEIN Ersatz für den Tierarzt, den Pferdeosteopath, den Pferdephysiotherapeuten oder den Pferdechiropraktiker. Genau wie im Humanbereich stellt die Pferdeergotherapie eine ergänzende Therapieform dar.)

Ein Praxisbeispiel

Dein Pferd steht schief am Putzplatz und du drückst mit der Hand gegen eine Seite um ihm zu signalisieren, es möge sich doch bitte gerade hinstellen. Wie reagiert dein Pferd? Kommt es vielleicht aus dem Gleichgewicht und taumelt zur Seite? Erschrickt es sich? Dann kann es gut sein, dass die Reizverarbeitung deines Pferdes nicht adäquat funktioniert. Denn in diesem Moment hast du alle drei Basissinne deines Pferdes angesprochen: Das taktile System, das die Berührung der Hand auf der Haut wahrnimmt, das propriozeptive System, das den Druck wahrnimmt und das vestibuläre System, das registriert, dass der Körper aus dem Gleichgewicht gebracht wird. (Hier kannst du noch mehr zum vestibulären System bei Pferden lesen.

Probleme beim Gurten können auf ein taktiles Problem hinweisen
Viele Pferde leiden an Gurtzwang. Hier kann ein Pferdeergotherapeut dem Pferd helfen

Wie kann PFERGO – Pferdeergotherapie® da helfen?

Ein Pferdeergotherapeut hilft mit verschiedenen Übungen und Therapiegeräten, die Basissinne deines Pferdes zu schulen, um die Wahrnehmungsverarbeitung zu verbessern. Das verhilft deinem Pferd zu einem besseren Körpergefühl, mehr Trittsicherheit und  dadurch zu seelischer Ausgeglichenheit – schließlich sind Pferde als Fluchttier auf ein gutes Körpergefühl, ein gutes Gleichgewicht und Trittsicherheit angewiesen.

Die Basissinne können geschult und verbessert werden, indem die Sensoren regelmäßig mit unterschiedlichen Reizen stimuliert werden. Denn je häufiger die Nervenleitungsbahnen genutzt werden und je breiter die einzelnen Sinneskanäle deines Pferdes stimuliert werden, desto besser funktionieren sie und desto natürlicher und leichter werden beispielsweise die Bewegungen deines Pferdes oder desto weniger unangenehm empfindet es diffuse Reize auf der Haut, wie sie beispielsweise beim Einsprühen entstehen.

Pferdeergotherapie ist übrigens für alle Pferde geeignet, für alte Pferde, junge Pferde, Pferde nach einer Verletzungspause, hypermobile Pferde, Pferde, die besonders gefordert werden (beispielsweise als Therapiepferd) und auch für Freizeitpferde. PFERGO fördert nämlich nicht nur die Basissinne, es stellt auch eine tolle Abwechslung für denen eigenen Trainingsalltag dar und stärkt die Pferde-Mensch-Beziehung.

Pferd geht durch ein Stangenmikado
Schon mit einfachen Dingen wie einem Stangenmikado können die Basissinne des Pferdes angesprochen und gefördert werden

Kann ich mein Pferd auch selbst pferdeergotherapeutisch fördern?

Ja, das kannst du – und das machst du sogar jeden Tag. Wenn du dein Pferd beispielsweise mit unterschiedlichen Bürsten putzt oder es über Stangen führst, schulst du die Basissinne.

Übrigens: Im Shop von Pferdeflüsterei findest du einen Onlinekurs, der dir das Thema PFERGO ein wenig näher bringt und dir Übungen an die Hand gibt, die du mit deinem Pferd eigenständig und ohne Therapeuten durchführen kannst. Hier gehts zum Onlinekurs*

Du suchst einen Pferdeergotherapeuten für dein Pferd?

Wenn du denkst, dass dein Pferd von Pferdeergotherapie profitieren würde und du aus dem (südlichen) Hamburger Umland kommst, dann schreib mir gerne eine E-Mail. Ich gehöre zum ersten PFERGO-Ausbildungsjahrgang. Noch ist meine Ausbildung nicht abgeschlossen, sie endet im März. Aber bis dahin freue ich mich über jedes „Übungspferd“, das ich behandeln darf.

Hast du noch weitere Fragen zum Thema Pferdeergotherapie? Dann hinterlass mir gerne einen Kommentar, den ich so schnell wie möglich beantworten werde.

Ich freue mich, von dir zu hören!

Viele Grüße

Karo von 360° Pferd

0 Kommentare zu “Pferdeergotherapie: Was ist das und wie kann sie meinem Pferd helfen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Webseite verwendet Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos gibt es in der Datenschutzerklärung.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen