Pferdeergotherapie: Was ist das und wie kann sie meinem Pferd helfen?

Propriozeptives Pferdetraining mit instabilen Untergründen

Pferdeergotherapie ist ein ganz neuer Therapieansatz im Pferdesport und als Pferdergotherapeutin nach PFERGO-Pferdeergotherapie® werde ich immer wieder gefragt, was Ergotherapie für Pferde überhaupt ist und wie ich als Pferdeergotherapeut einem Pferd helfen kann. Das möchte ich dir in diesem Beitrag gern erklären.

Ergotherapie: Gesundung durch Handeln und Arbeiten

Pferdeergotherapie ist, wie der Name schon sagt, Ergotherapie für Pferde. Und um dir das ein wenig näher zu bringen, erkläre ich es dir zunächst anhand der Ergotherapie für Menschen.

Der Begriff Ergotherapie stammt aus dem Griechischen und heißt so viel wie Gesundung durch Handeln und Arbeiten. Die Ergotherapie geht davon aus, dass aktives Handeln eine heilende Wirkung hat. Ein Ergotherapeut hilft Menschen, ihre Handlungsfähigkeit im Alltagsleben (wieder) zu erlangen, um den Alltag so selbstständig und unabhängig wie möglich gestalten zu können.

Die Ergotherapie verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz und fördert ein harmonisches Zusammenwirken von Bewegung, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit.

Sensorische Integration: die Wahrnehmungsverbeitung

Eine Grundlage der Ergotherapie ist die Sensorische Integration. Der Begriff geht zurück auf die amerikanische Entwicklungspsychologin Jean Ayers. Bei der Sensorischen Integration handelt es sich um einen neurologischen Prozess der Aufnahme, Weiterleitung, Verarbeitung, Verknüpfung und Interpretation aller Sinnesreize. So werden die von den Basissinnen aufgenommenen Informationen bedeutsam und nutzbar.

Die Sensorische Integration ist bedeutend für die Entwicklung eines Menschen: Das Kind nutzt seine Erfahrungen, um Neues zu lernen. Auf diese Weise entstehen neue Verknüpfungen im Nervengeflecht des Gehirns und der Erfahrungsspeicher wächst. Eine Lernspirale entsteht.

Die Basissinne: taktiles System, propriozeptives System, vestibuläres System

Eine enorm wichtige Bedeutung haben dabei die Basissinne. Die Basissinne entwickeln sich bereits pränatal, noch ehe weitere Sinne wie Sehen, Hören, Riechen oder Schmecken entstehen. Sie informieren das Gehirn über den eigenen Körper und seine Position in der Umwelt und sind die Grundlage dafür, dass Sinneseindrücke wie Sehen, Hören, Riechen und Schmecken gut verarbeitet werden können

Zu den Basissinnen gehören:

Du kannst es dir wie einen Baum vorstellen: Die Basissinne sind die Wurzeln, mit ihnen werden Reize wahrgenommen, die aus dem Körper selbst kommen. Der Stamm besteht aus der Wahrnehmung von Umweltreizen (Riechen, Schmecken, Sehen) und darauf bildet sich die Krone des Baumes, die das Ergebnis der Reizverarbeitung darstellt und Fähigkeiten wie Koordination, Körperwahrnehmung, Balance und Gleichgewicht umfasst.

Sind die Wurzeln nicht richtig ausgebildet, kann auch kein kräftiger und großer Baum wachsen.

Probleme bei der Wahrnehmungsverarbeitung

Findet bei einem dieser drei Basissinne die Weiterleitung von Reizen nicht entsprechend statt, funktioniert auch die Wahrnehmungsverarbeitung nicht optimal.

Wie äußert sich das?

Wenn die Sinnesinformationen nicht adäquat verarbeitet werden können, entstehen Probleme, das eigene Verhalten den jeweiligen Erfordernissen anzupassen. Dann kann es passieren, dass man die Balance verliert und ins Stolpern gerät oder dass ein taktiler Reiz so stark wahrgenommen wird, dass er einem unangenehm ist (Stichwort: Nagelpfeile und Wollpulli).

Wichtig zu wissen ist, dass es sich hierbei nicht um ein Problem des Gehirns handelt.

Ein Problem bei der Wahrnehmungsverarbeitung sieht immer anders aus und reicht von Unterempfindlichkeit (in diesem Fall werden Reize nicht oder nur verzögert wahrgenommen) bis hin zur Überempfindlichkeit (Hypersensibilität).

Wenn ein Mensch (oder ein Pferd) beispielsweise propriozeptiv unterempfindlich ist, fällt es ihm schwer, seine Bewegungen richtig zu planen und er (oder es) ist sehr ungeschickt. Oder hat einen sehr hohen Muskeltonus. Ist jemand taktil überempfindlich, hat er zum Beispiel ein Problem mit Berührungen oder mit dem Gefühl bestimmter Materialien/Reize auf der Haut und meidet diese nach Möglichkeit bzw. reagiert auf Berührungen mit Abwehr.

Hier kannst du mehr über die taktile Überempfindlichkeit beim Pferd lesen.

Pferdeergotherapie verhilft dem Pferd zu einem besseren Körpergefühl

PFERGO-Pferdeergotherapie®: die Basissinne fördern und die Lebensqualität der Pferde verbessern

Und was hat das nun mit Pferden zu tun? Eine ganze Menge!

Dr. Ruth Katzenberger-Schmelcher und Yvonne Katzenberger haben das Prinzip der Ergotherapie aus dem Humanbereich auf die Pferde übertragen und festgestellt, dass es viele Parallelen gibt. So ist mit der Zeit die PFERGO-Pferdeergotherapie® entstanden, eine Therapieform, die Pferde mit dem Wissen über die Basissinne fördern und so zu einer Verbesserung der Lebensqualität des Pferdes verhelfen soll.

Natürlich kann es nur in modifizierter Form übertragen werden, denn Pferde können ja nicht mit uns sprechen. Aber ähnlich wie bei uns Menschen gibt es auch bei Pferden immer wieder Defizite bei der Wahrnehmungsverarbeitung, die sich im Pferdealltag äußern und vom Pferdebesitzer oft als Unart bezeichnet werden.

Vielleicht kennst du das auch: Dein Pferd mag sich nicht einsprühen lassen, es hat Taktprobleme, es stößt bei der Stangenarbeit immer wieder mit den Hufen an, und, und, und. Mögliche Verhaltensauffälligkeiten, die auf ein Problem bei der Wahrnehmungsverarbeitung hinweisen können, sind:

  • Gleichgewichtsprobleme
  • Konzentrationsprobleme
  • Koordinationsprobleme
  • Berührungsempfindlichkeit
  • Häufiges Stolpern
  • Soziale Unverträglichkeit
  • Nervosität und Schreckhaftigkeit
  • Probleme beim Einsprühen und/oder Scheren
  • Probleme beim Gurten
  • Durchgehen
  • Buckeln
  • Probleme beim Hufegeben/beimSchmied

(Kleiner Hinweis: Wenn dein Pferd häufig stolpert, dann solltest du immer erst einen Tierarzt und/oder einen Osteopathen anrufen und dein Pferd untersuchen lassen, ehe du einen PFERGO-Pferdeergotherapeuten rufst. Denn: Pferdeergotherapie ist KEIN Ersatz für den Tierarzt, den Pferdeosteopath, den Pferdephysiotherapeuten oder den Pferdechiropraktiker. Genau wie im Humanbereich stellt die Pferdeergotherapie eine ergänzende Therapieform dar.)

Probleme beim Gurten können auf ein taktiles Problem hinweisen
Viele Pferde leiden an Gurtzwang. Hier kann ein Pferdeergotherapeut dem Pferd helfen

Wie kann ich als Pferdeergotherapeutin da helfen?

Ein Pferde Ergotherapeut hilft mit verschiedenen Übungen, die Basissinne deines Pferdes zu schulen, um die Wahrnehmungsverarbeitung zu verbessern (Stichwort: Gesundung durch Handeln und Arbeiten). Das verhilft deinem Pferd zu einem besseren Körpergefühl, mehr Trittsicherheit und  dadurch zu seelischer Ausgeglichenheit – schließlich sind Pferde als Fluchttier auf ein gutes Körpergefühl, ein gutes Gleichgewicht und Trittsicherheit angewiesen.

Die Basissinne können geschult und verbessert werden, indem die Sinnesorgane regelmäßig mit unterschiedlichen Reizen stimuliert werden. Denn je häufiger die Nervenleitungsbahnen genutzt werden und je breiter die einzelnen Sinneskanäle deines Pferdes stimuliert werden, desto besser funktionieren sie und desto natürlicher und leichter werden beispielsweise die Bewegungen deines Pferdes oder desto weniger unangenehm empfindet es diffuse Reize auf der Haut, wie sie beispielsweise beim Einsprühen entstehen.

Hierfür nutze ich als Ergotherapeutin für Pferde verschiedene Tools und Übungen wie Balance Pads, Stangen, Wippen und Koordinationsübungen.

Pferdeergotherapie ist übrigens für alle Pferde geeignet, für alte Pferde, junge Pferde, Pferde nach einer Verletzungspause, hypermobile Pferde, Pferde, die besonders gefordert werden (beispielsweise als Therapiepferd) und auch für Freizeitpferde. PFERGO fördert nämlich nicht nur die Basissinne, es stellt auch eine tolle Abwechslung für denen eigenen Trainingsalltag dar und stärkt die Pferde-Mensch-Beziehung.

Pferd geht durch ein Stangenmikado
Schon mit einfachen Dingen wie einem Stangenmikado können die Basissinne des Pferdes angesprochen und gefördert werden

Kann ich mein Pferd auch selbst pferdeergotherapeutisch fördern?

Ja, das kannst du – und das machst du sogar jeden Tag. Wenn du dein Pferd beispielsweise mit unterschiedlichen Bürsten putzt oder es über Stangen führst, schulst du die Basissinne.

In meinem Onlinekurs „Körperwahrnehmung, Balance und Koordination des Pferdes verbessern mit propriozeptivem Training“ bekommst du von mir viele Ideen und Anregungen.

Und auch im Shop von Pferdeflüsterei findest du einen Onlinekurs, der dir das Thema PFERGO ein wenig näher bringt und dir Übungen an die Hand gibt, die du mit deinem Pferd durchführen kannst. Hier gehts zum Onlinekurs*

Du suchst einen Pferdeergotherapeuten für dein Pferd?

Als Pfergo bin ich in Niedersachen, Hamburg und dem südlichen Schleswig-Holstein unterwegs und ich freue mich, dich und dein Pferd kennenzulernen! Hier findest du mehr zu meinem Angebot.

Hast du noch weitere Fragen zum Thema Ergotherapie für Pferde? Dann hinterlass mir gerne einen Kommentar oder schick mir eine E-Mail!

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