Rückenschmerzen beim Pferd erkennen und vorbeugen

Dass der Pferderücken gar nicht zum Tragen von Reitergewicht gemacht ist, hat sich mittlerweile rumgesprochen. Damit er uns dennoch tragen kann, muss er entsprechend trainiert werden – ansonsten gibt es Rückenschmerzen. Wie du Rückenschmerzen beim Pferd erkennen und vorbeugen kannst, verrät Pferdephysiotherapeutin Hannah Ruhnau in ihrem Gastbeitrag. 

Gastbeitrag von Hannah Ruhnau

Der Ausblick zwischen den Pferdeohren hindurch ist für viele von uns Pferdemenschen einer der schönsten. Umso mehr lohnt es sich, einmal einen näheren Blick auf den Teil des Pferdekörpers zu werfen, auf dem wir da Platz nehmen dürfen. Denn damit die gemeinsame Reitzeit auch für unseren Partner Pferd angenehm ist und auch bleibt, sollten wir gut auf den Pferderücken aufpassen.

Das Pferd – ein Reittier?

Schauen wir uns die Grundkonstruktion des Pferdekörpers an, wird schnell klar, dass diese nicht unbedingt auf das Tragen von Reitergewicht ausgelegt ist.

Zunächst ist die Wirbelsäule, die vorne mit dem Schädel verbunden ist und letztendlich als Schwanzwirbel im Schweif endet, dafür zuständig, das Rückenmark als Teil des zentralen Nervensystems zu schützen. Denn ein intaktes Nervensystem ist lebensnotwendig, damit alle wichtigen Vorgänge im Körper gesteuert werden können und das Pferd sich fortbewegen kann.

Ein wichtiges Anliegen des Pferdekörpers ist also, die Wirbelsäule stabil zu halten, damit das Rückenmark als Steuerungszentrale unbeschädigt bleibt und der Körper „funktionieren“ kann.

Nun setzen an den Brustwirbeln die Rippen an, um unten mit dem Brustbein den Brustkorb zu bilden. Als Brustkorb bieten sie Schutz für Organe wie Herz und Lunge. Außerdem liegen der Darm und andere Bauchorgane im Bauchraum und hängen als Gewicht an der Konstruktion Wirbelsäule – und damit machen sie mindestens 100kg aus. Eine ganz schöne Last, die gehalten werden will.

Hinten ist die Wirbelsäule durch das Kreuzbein im Becken verankert.

Die vordere Befestigung des Brustkorbs, und damit auch der Wirbelsäule, ist eine Schlüsselstelle für das Verständnis der Tragfähigkeit des Pferdes. Der Brustkorb des Pferdes ist rein muskulär innen zwischen den Schulterblättern befestigt. Der kräftige Serratus-Muskel (Musculus Serratus ventralis) zieht dort fächerförmig von der Innenseite der Schulterblätter einmal zur Halswirbelsäule und einmal zu den Rippen. Damit sorgt er dafür, dass der Brustkorb zwischen den Vordergliedmaßen gehalten wird.

Eine grobe Skizze des Serratus-Muskels

 

Er übernimmt also, zusammen mit Brust- und anderer Hilfsmuskulatur, sowie Faszienketten eine sehr wichtige Aufgabe beim Tragen des Reitergewichts.

Setzen wir uns nun als Reiter auf ein Pferd, dann ist die knöcherne Struktur unter uns die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule. Die Rückenmuskeln, seitlich neben dieser Dornfortsätze spannen in dieser Situation als Schutz erst einmal an und drücken die Wirbelsäule in Streckung. Und auch der Brustkorb hat zunächst die Tendenz, zwischen den Schulterblättern ‚abzusinken‘.

Idealerweise sollten nun die Rumpftragemuskeln aktiv den Brustkorb  mit uns oben drauf halten und die Rückenmuskeln sollten immer wieder loslassen können, um eine natürliche Rückenbewegung zuzulassen, statt die Dornfortsätze dauerhaft anzunähern. Denn eine eingesunkene Brustwirbelsäule verursacht Schmerzen.

Überlastung: eine häufige Ursache für Rückenschmerzen beim Pferd

Eine häufige Ursache für Rückenschmerzen beim Pferd ist Überlastung bzw. Überschätzung der Tragfähigkeit des Pferdes. Wir wissen nun, was die erste Reaktion des Pferdekörpers auf Reitergewicht ist. Gewöhnen wir den Pferdekörper langsam an Reitergewicht, helfen, ihm zuvor die nötige Balance vom Boden aus zu finden und die Rumpftragemuskeln aktiv zu nutzen, dann können wir Rückenschmerzen und anderen Folgeschäden durch ein gesundes Tragemuster vorbeugen.

Der Pferdekörper ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Strukturen. Deshalb gibt es natürlich noch viele andere Ursachen, die sich negativ auf die Rückengesundheit auswirken. Neben der nötigen Kraft, um den Reiter zu tragen, ist es natürlich auch wichtig, dass der Sattel passt und nicht ungünstig unmittelbar auf dem Rücken reizt.

Denn das macht gleichzeitig der Tragemuskulatur Schwierigkeiten aktiv zu sein. Aber auch Übergewicht, zu wenig Bewegung/viel Stehen, die Hufsituation, die Fressposition, die Reitereinwirkung und das Reitergewicht… haben Einfluss auf Tragkraft und die Rückengesundheit.

Was passiert eigentlich bei Überlastung?

Wird das Pferd durch zu langes Tragen überlastet, so schaffen seine Muskeln es nicht, den Anforderungen gerecht zu werden. Die Muskulatur kann nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt werden und kann so nicht mehr locker arbeiten, stattdessen bleiben sie in Daueranspannung. Es bildet sich Narbengewebe durch überlastete Muskelfasern, die schlussendlich absterben. Zurück bleiben sogenannte Triggerpunkte.

Überlastete, verspannte Muskulatur und verklebte Faszien, die daraus entstehen, schränken das Pferd in der Bewegung ein und verursachen Schmerzen.

Um dem vorzubeugen, ist es wichtig, das Pferd zunächst vom Boden aus dabei zu begleiten, Balance zu finden und sich so fortzubewegen, dass es uns gut tragen kann. Dabei ist es wichtig, individuell auf das Pferd einzugehen, sowohl physisch, als auch psychisch. Man wird oft leicht dazu verleitet, den Pferdekörper in eine bestimmte Form pressen zu wollen, aber genau wie bei uns ist das recht individuell.

Die Gymnastizierende Bodenarbeit kann hier ein wertvoller Begleiter sein.

Gymnastizierende Bodenarbeitt am Kappzaum als Helfer für einen gesunden Pferdekörper

Aber auch andere Arten der Körperschulung können hier wertvoll sein, wie Wippentraining, propriozeptives Training mit verschiedenen Untergründen usw.

Am besten schult man außerdem sein Gefühl, wann die Tragkraft des Pferdes nachlässt oder erschöpft ist, damit man da Pausen einbaut oder das Reiten beendet. Dafür macht es Sinn, sich von einem Trainer, Therapeuten o.ä. unterstützen zu lassen, der dazu Feedback geben kann.

Wir selber können daran arbeiten, dem Pferd eine angenehme Last zu tragen zu sein. Paaren wir das mit unser Gefühlsschulung und Achtsamkeit für die Zeit auf dem Pferderücken, dann kann das Reiten ein wertvoller Teil der gemeinsamen Zeit sein.

Rückenschmerzen erkennen

Um einen ersten Überblick über die Rückengesundheit des Pferdepartners zu bekommen, kann man ein paar Aspekte überprüfen.

Als erstes kann man sich die Rückenlinie des Pferdes anschauen. Ist die Linie harmonisch oder stechen abrupte Erhebungen/Absenkungen ins Auge?

Der Pferderücken aus verschiedenen Positionen betrachtet

Am besten schaust du dir die Rückenlinie aus verschiedenen Perspektiven an oder machst Fotos davon. Hier sehen wir eine harmonische Rückenlinie.

Gibt es Kuhlen oder Löcher in der Muskulatur direkt neben der Wirbelsäule? Das ist oft der Fall, wenn der Sattel über längere Zeit nicht passt.

Eine gute Bemuskelung erkennt man an dem ausgefüllten Platz neben den Dornfortsätzen, fällt es dort eher ab und stechen die Dornfortsätze hervor, dann ist eher wenig oder falsche Muskulatur ausgebildet.

Dann kann man seine flache Hand seitlich neben den Dornfortsätzen sanft entlang führen – bitte nicht direkt auf der Wirbelreihe – und schauen, ob es Verhärtungen in der Muskulatur gibt oder das Pferd mit Schmerzäußerungen reagiert: Schweifschlagen, Zucken, einsinken des Gewebes, sich entziehen, aber auch angespannte Mimik.

Bitte sei sehr vorsichtig beim Abtasten und bleibe eine Handbreit neben den Dornfortsätzen. Das ist ein sehr empfindlicher Bereich, der sehr schnell auf Reize reagiert. Die Reaktion muss nicht immer direkt sichtbar sein.

Rückenschmerzen zeigen sich nicht immer direkt an der Wirbelsäule. Auch schmerzhafte oder einfach empfindliche Brust- und Bauchmuskulatur, vor allem in der Gurtlage, deutet auf entstehende Probleme im Rückenbereich hin.

Ist man sich unsicher oder hat man den Eindruck, es bestehen oder entwickeln sich Rückenprobleme, dann ist es oft hilfreich, einen Therapeuten hinzu zu holen.

So kann das Pferd gründlich untersucht werden und falls nötig behandelt werden.

Als erstes sollte im besten Fall ein Tierarzt seine Einschätzung der Problematik geben dürfen, um zum Beispiel gegebenenfalls medikamentös zu behandeln oder weitere Maßnahmen zu ergreifen. Im Anschluss ist es häufig sinnvoll, sich durch einen Pferdephysiotherapeuten, Osteopathen oder anderweitig therapeutisch Unterstützung zu holen. Auch ein Trainingsansatz oder vorbeugende Maßnahmen können so besprochen werden, damit das Pferd sich langfristig gesund bewegen kann und daraus ganzheitlich profitiert.

Falls dir nun Fragen oder Gedanken zu dem Thema in den Kopf kommen, dann darfst du mir gerne schreiben. Du findest mehr über mich und meine Arbeit unter www.pferd-im-mittelpunkt.de oder auf meiner Facebookseite. Für Behandlungen bin ich als Pferdephysiotherapeutin und Manualtherapeutin vor allem in Nordrhein-Westfalen und Teilen von Niedersachsen unterwegs. Außerdem begleite ich in Zusammenarbeit mit Kati von Equinality Pferde-Mensch-Paare auf dem Weg in die Gymnastizierende Bodenarbeit und zu gesunder Bewegung und Körpergefühl. Aktuell arbeiten wir zusammen an einem Aufbaukurs zum bereits bestehenden Onlinekurs Gymnastizierende Bodenarbeit, der am 06.08.18 erneut startet.

Trotz diesem manchmal etwas sorgenbelasteten Thema – Genieße die Zeit mit deinem Pferd! Freude im gemeinsamen Bewegen zu finden, ist oft das wichtigste und heilsamste.

Deine Hannah Ruhnau von Pferd im Mittelpunkt

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