So beeinflussen sich Pferd und Reiter gegenseitig

So beeinflussen sich Reitersitz und Pferd gegenseitig

Hast du dir schon einmal Gedanken gemacht, wie dein Sitz dein Pferd und seine Gesundheit beeinflusst? Häufig werden Reitersitz und Pferd, seine Schiefe sowie seine Bewegung losgelöst voneinander betrachtet. Dabei hängt beides so eng miteinander zusammen!

Reitersitz und Pferdebewegung stellen einen Kreislauf dar: Je gesünder dein Pferd sich bewegt, desto besser kannst du sitzen. Je besser du sitzen kannst, desto gesünder entwickelt sich dein Pferd. Aber umgekehrt gilt auch: Je ungesünder sich dein Pferd bewegt, desto schlechter kannst du sitzen und je schlechter du sitzt, desto schlechter läuft und entwickelt sich dein Pferd.

Dein Sitz und die Bewegung deines Pferdes hängen also ganz eng miteinander zusammen.

Info für dich: Der Zusammenhang von Reitersitz und Pferdebewegung/Pferdegesundheit kommt beim Physio Riding® sehr zum Tragen: Vielleicht hast du es schon mitbekommen, dass ich seit Sommer 2019 eine Physio Riding® Fortbildung mache. Physio Riding® ist Symbiose aus Tierphysiotherapie und Reitlehre und es geht um „gesundes Reiten für Pferd und Mensch“. Die Fortbildung ist unterteilt in die Teilbereiche Anatomie Pferd & Massage, Bewegungstherapie und Bodenarbeit, Der Reiter (Sitz, Hilfegebung, Reiterfitness, Mentaltraining) und Reiten (Trainingsplanung, Videoanalyse uvm.). Infos zum Physio Riding® findest du hier.

Bevor wir uns den Zusammenhang von Reitersitz und Pferdebewegung näher anschauen wollen, müssen wir kurz klären, was ein guter Sitz überhaupt ist.

Zum Thema Reitersitz habe ich einen Lesetipp für dich, einen Artikel, den ich für DAS ISLANDPFERD geschrieben und für den ich mit Pferdetrainerin und Humanphysiotherapeutin Cathleen Ilg gesprochen habe: Der Reitersitz: Das Kommunikationsmedium zwischen Pferd und Reiter. Sie sagt:

Ein guter Sitz ist dynamisch und funktional!

Und so sehe ich das auch!

Dynamisch bedeutet, dass ich mich als Reiter mit meinem Körper jeder Bewegung meines Pferdes anpassen kann. Dafür ist es enorm wichtig, dass ich losgelassen sitzen kann: Ich kann meine Muskeln bewusst an- und abspannen, meine Haltemuskeln sind kräftig genug und geben mir Stabilität. Ich kann mit meinem Becken den Pferdebewegungen folgen und mich von der Bewegung „mitnehmen“ lassen. Meine Arme und Schultern sind entspannt und folgen den Nickbewegungen des Pferdekopfes.

Damit ich losgelassen sitzen kann, muss ich auch mental entspannt sein. Angst oder Aggression (beispielsweise weil „der blöde Gaul einfach nicht will“) verhindern einen losgelassenen und dynamischen Reitersitz.

Funktional bedeutet: Ich passe meinen Sitz nicht Schema F an, sondern meinen körperlichen Gegebenheiten. Meinen Körperbau kann ich nicht ändern – kurze/lange Beine, ein kurzer/langer Oberkörper oder kurze/lange Arme habe ich – oder auch nicht. Ich muss aber lernen, diese Gegebenheiten entsprechend einsetzen zu können.

Doch kommen wir zurück zum Kreislauf von Reitersitz und Pferdegesundheit:

Guten Schritt reiten mit Islandpferd
Guten Schritt reiten mit Islandpferd

Je gesünder dein Pferd sich bewegt, desto besser kannst du sitzen.

Wenn ich Schritt reite und mein Pferd sich gut unter mir bewegt (es tritt aktiv unter den Schwerpunkt, beugt Becken, führt sein Vorderbein raumgreifend nach vorne), wird mein Becken in einer fließenden Bewegung mitgenommen. Die Bewegung ähnelt einer liegenden Acht.

Reite ich beispielsweise auf dem Zirkel und mein Pferd ist korrekt gestellt und gebogen, kann auch ich als Reiter im Gleichgewicht bleiben und losgelassen sitzen. Ich werde quasi mitgenommen in der Bewegung und mein Körper passt sich der Bewegung meines Pferdes an (mein Becken – Pferdebecken, meine Schulter – Pferdeschulter). Ich habe das Gefühl, als käme ich innen tiefer zum Sitzen.

Und im Trab kann ich ohne Probleme aussitzen und mit meinem Becken dem Bewegungsfluss meines Pferdes folgen.

Je ungesünder sich dein Pferd bewegt, desto schlechter kannst du sitzen.

Wenn mein Pferd sich auf dem Zirkel nicht korrekt stellen und biegen kann und schief ist, werde ich nach außen gesetzt. Ich verliere damit mein Gleichgewicht auf dem Pferd und knicke höchstwahrscheinlich in der Hüfte ein, um meine Balance zu behalten. Ich werde fest und steif und verhindere damit, dass sich mein Pferd unter mir losgelassen bewegen kann.

Lesetipp: Stellung und Biegung: Was ist das eigentlich?

Ein anderes Beispiel:

Trabt mein Pferd mit angespannter Rückenmuskulatur, ist die Bewegung sehr hart. Versuche ich dabei auszusitzen, „plumpse“ ich als Reiter höchstwahrscheinlich auf dem Rücken hoch und runter. Ich bin in dem Fall kaum in der Lage, weich und fein auf mein Pferd einzuwirken, weil ich damit beschäftigt bin, meine Balance zu halten. Das heißt: Ich verspanne mich ebenfalls, werde fest und kann meinem Pferd so nicht helfen, die Losgelassenheit zu finden, im Gegenteil: Das Hopsen auf seinem Rücken wird meinem Pferd ziemlich weh tun.

Je schlechter du sitzt, desto schlechter läuft und entwickelt sich dein Pferd.

Bleiben wir beim Beispiel Zirkel und der ungesunden (schiefen) Pferdebewegung: Kann ich als Reiter nicht korrekt sitzen, verliere die Balance und knicke in der Hüfte ein, mache ich mich automatisch fest. Versuche ich dann noch mit dem inneren Zügel eine korrekte Stellung und Biegung zu erarbeiten um zu verhindern, dass mein Pferd auf die äußere Schulter kippt, verliert mein Pferd immer mehr an Losgelassenheit und meine innere Hand wird immer fester. Angespannt kann es sich aber niemals korrekt stellen und biegen und „wie auf Schienen um die Kurve laufen“. Ich als Reiter werde das Gleichgewicht nicht finden. Ich „verschlimmbessere“ die Situation.

Bin ich als Reiter unausbalanciert und klammere mich zum Beispiel mit den Beinen fest und presse die Knie fest zusammen, kann mein Pferd sich unter mir nicht losgelassen bewegen. Es kann mit der Hinterhand nicht adäquat unter den Schwerpunkt fußen und seinen Rücken aufwölben. Es wird vermehrt auf der Vorhand laufen.

Sitze ich wie ein steifes Brett auf einem töltenden Islandpferd, wird mein Pferd unter mir höchstwahrscheinlich einen sehr spannigen Tölt mit weggedrücktem Rücken und Unterhals zeigen. (Typische Töltanweisung, die auch heute noch gelehrt wird: Becken abkippen, alles anspannen, ordentlich treiben und gleichzeitig vorne festhalten, dann töltet das Pferd 🙈 – ein sehr schöner Text dazu ist übrigens hier bei Christina von Herzenspferd erschienen).

Lesetipp: Darum ist Knieschluss Quatsch

Je besser du sitzen kannst, desto gesünder entwickelt sich dein Pferd.

Wenn ich als Reiter losgelassen auf meinem Pferd sitzen kann und es mit meinem Sitz nicht störe, kann (und wird) sich mein Pferd zunehmend trauen, den Rücken aufzuwölben. Ich plumpse ihm nicht mehr schmerzhaft in den Rücken oder piekse es mit meinen Sitzbeinhöckern. Es kann vermehrt die Dehnung vorwärts/abwärts suchen und dabei entspannt seinen Rücken aufwölben.

Kann ich als Reiter auf dem Zirkel entspannt im Gleichgewicht sitzen, kann ich mein Pferd unterstützen ebenfalls im Gleichgewicht auf der gebogenen Linie zu laufen. Dabei gilt: Reiterschulter folgt Pferdeschulter, Reiterbecken folgt Pferdebecken.

Kann ich als Reiter dagegen auf dem Zirkel entspannt im Gleichgewicht sitzen, kann ich mein Pferd (noch schiefes Pferd) dabei unterstützen, ebenfalls im Gleichgewicht auf der gebogenen Linie zu laufen.

Reminder Reitersitz und Pferdegesundheit
Reminder Reitersitz und Pferdegesundheit

Noch ein Hinweis an dieser Stelle: Damit du gut sitzen kannst, muss dein Sattel nicht nur deinem Pferd gut passen, sondern auch dir. Das ist besonders bei den Isis ein großes Problem: kurze Rücken – kurze Sättel – normaler Reiterpo. Wählst du einen Sattel, der deinem Pferd optimal passt, kann es gut sein, dass du als Reiter dein Becken nicht ausreichend bewegen kannst und du außerdem punktuell viel zu viel Druck auf dem Pferderücken hast. Hast du dagegen als kleiner, schmaler Reiter ein breites Sattelmodell, setzt dich der Sattel möglicherweise breiter als es gut wäre. Auch dann ist deine eigene Beweglichkeit blockiert.

Und noch was zum Thema Sattel: Eine amerikanische Studie hat herausgefunden, dass Sättel ohne Sattelblatt dem Reiter mehr Stabilität bieten. Darüber berichtet die Pferderevue.

Spannend, oder?

Die eigene körperliche Fitness verbessert auch unser Pferd

Die eigenen körperlichen Gegebenheiten (siehe oben) kann ich nicht ändern. Was ich aber ändern kann, um meinen Sitz zu verbessern, ist meine eigene körperliche Fitness.

Ich muss zugeben, dass ich weder richtig fit noch sportlich bin. Ich bin sicher fitter als jemand, der gar keinen Sport macht. Aber mehr nicht. Laut Schrittzähler gehe ich rund 8.000 Schritte am Tag. Obwohl ich mehrmals die Woche zu Fuß zum Stall gehe, Stalldienst und sehr viel Bodenarbeit mache. Das ist sicherlich mehr als zu der Zeit, als ich noch Vollzeit als Online Marketing Managerin im Büro gearbeitet habe. Dennoch ist es nicht sehr viel.

Und Kraft gewinne ich dadurch nicht. Zur Unizeit war ich jahrelang jeden Montagabend beim Powerbauch-Kurs. Doch die Uni ist lange vorbei und die noch verbliebenen Bauchmuskeln sind mir spätestens mit der Schwangerschaft abhanden gekommen – oder haben sich bislang im Hüftspeck gut getarnt. 😉

Das größte Problem hierbei ist nicht, dass meine Lieblingshose kneift. Das größte Problem betrifft mein Pferd. Sind meine Bauch- und Rückenmuskeln schwach, dann kann ich nicht locker aufrecht sitzen. Ich verliere Gleichgewicht und Balance. Meine Muskeln verkrampfen, weil ihnen die Kraft fehlt. Und damit beeinflusse ich auch mein Pferd!

Sabine Bruns, der Frau hinter Physio Riding®, sagt:

„Wenn ein Reiter mit leichter Einwirkung und harmonisch reiten möchte, braucht er viel Kraft.“

Sabine Bruns, Physio Riding®

Und damit hat sie sowas von Recht. Auch wenn das nur den allerwenigsten Reitern bewusst ist.

Wir haben zwei Muskelgruppen, Halte- und Bewegungsmuskeln (genau wie unsere Pferde übrigens auch). Zum Reiten brauchen wir die Haltemuskeln. Sind diese nicht stark genug, greifen wir auf unsere Bewegungsmuskeln zurück, die wir aber eigentlich beim Reiten gar nicht brauchen. Die Folge ist, dass wir fest werden und uns verspannen. Dadurch stören wir unser Pferd und es kommt zum dargestellten Kreislauf.

Daher ist mein Appell an dich: Denk beim Training mit deinem Pferd nicht immer nur an dein Pferd und seine Fitness, sondern auch an dich und arbeite an deiner Fitness – zum Wohle deines Pferdes. Und wenn du keine Idee hast, wie du das angehen sollst, empfehle ich dir den Online Videokurs „Functional Training für Reiter“ von der Pferdeflüsterei*.

Functional Training für Reiter

Und noch weitere Lesetipps: Hier liest du etwas über Ausgleichssport beim Reiten und warum er so wichtig ist und hier über Yoga als Ausgleichssport

Wenn auch du dein Pferd gesunderhaltend trainieren möchtest und Lust hast auf einen Kurs oder Workshop oder eine Unterrichtseinheit, dann melde dich gern per E-Mail!

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