Pferde richtig anweiden

Pferde richtig anweiden: Ab auf die Wiese – aber nicht so schnell…

Artikel aktualisiert am 31.12.2018

Die einen tun es schon im Februar, die meisten irgendwann im April und einige sogar überhaupt nicht. Die Rede ist vom Anweiden. Warum ist es so wichtig und was kann man dabei alles falsch machen? Ein heikles und sehr wichtiges Thema!

Gastbeitrag von Steffi

Unsere Pferde sind Dauerfresser. Unter naturnahen Umständen würden Sie ca. 16 Stunden am Tag mit langsamer und gleichmäßiger Nahrungsaufnahme beschäftigt sein. Der Verdauungsapparat hat also ständig etwas zu tun. Der Organismus unserer Pferde ist perfekt auf dieses Verhalten ausgelegt und hat er sich einmal auf eine Futterart eingependelt, verträgt er abrupte Veränderungen nur sehr schlecht. Das gilt für Futterumstellungen jeglicher Art – völlig egal ob im Herbst von Dauerweide auf Heu oder von reiner Raufuttergabe auf vermehrtes Kraftfutter oder eben im Frühjahr von Heu auf Grünland umgestellt wird.

Was passiert bei einer Futterumstellung im Pferd?

Gehen wir mal davon aus, dass unser Pferd von Oktober bis März keine Winterweide zur Verfügung hatte und mit Heu, Stroh, Mineralfutter und der einen oder anderen Möhre prima über den Winter gekommen ist. Das bedeutet, dass der Pferdedarm, vereinfacht gesagt, bestens mit Bakterien für den Abbau von trockenem Raufutter ausgerüstet ist. Bakterien, die frisches Gras verarbeiten können sind hingegen im Grunde nicht existent. Diese Bakterien können sich in der Darmflora zwar von selbst wieder bilden, dafür benötigt der Pferdeorganismus jedoch etwas Zeit. Stellen wir das Pferde also von heute auf morgen für den ganzen Tag auf eine saftig-grüne Wiese, kommt es zum Chaos im Pferdedarm: die Bakterien, die bisher nur Heu oder Stroh zersetzt haben, bekommen plötzlich frisches Gras vorgesetzt und können damit nichts anfangen. Die Folgen können Durchfall, Kotwasser, Koliken oder, bei empfindlichen Pferden, auch Stoffwechselerkrankungen wie Hufrehe sein.

Es ist im Übrigen auch ein Irrglaube, dass man sich das Anweiden sparen kann, wenn das Pferd den Winter über auf einer Winterweide stand und dort Zugang zu Gras hatte. Das frisch aufgewachsene Grün einer neuen Sommerweide unterscheidet sich nämlich beträchtlich von dem auf einer den Winter über beweideten Fläche – eine Futterumstellung, an die der Pferdedarm ebenfalls erst gewöhnt werden sollte. Gleiches gilt auch, wenn im Laufe der Weidesaison die Flächen gewechselt werden. Unterscheidet sich der Bewuchs der neuen Weide wesentlich von dem der abgegrasten, sollte die Umweidung ebenfalls Schritt für Schritt erfolgen.

Der richtige Zeitpunkt zum Anweiden

Im Allgemeinen weiden die meisten Pferdebesitzer irgendwann zwischen März und Mai an – je nach dem wie lang der Winter war, wie gut die Weiden im Vorfeld auf die Saison vorbereitet wurden und wie viel Weidefläche man generell zur Verfügung hat.

Dass das Anweiden langsam und Schritt für Schritt erfolgen sollte, wissen zum Glück die meisten Pferdebesitzer. Bis man die Pferde den ganzen Tag aufs Grüne lässt, sollten 4 bis 6 Wochen ins Land gegangen sein. Begonnen mit jeweils 15 bis 20 Minuten an den ersten vier bis fünf Tagen, wird die Weidezeit täglich um ein paar Minuten gesteigert.

Gerade in der ersten Zeit ist es sehr wichtig, dass die Pferde nicht auf nüchternen Magen auf die Weide gehen. Füttert man vorab eine gute Portion Heu, ist das Pferd zum einen schon etwas satt und stürzt sich nicht so auf das frische Gras und zum anderen lässt sich das Grünfutter im Dünndarm besser verarbeiten, wenn bereits genügend Rohfasern im Verdauungstrakt vorhanden sind.

Die wenigsten wissen, dass nicht nur die Dauer der Weidezeit enorm wichtig ist, sondern auch der Tageszeitpunkt gerade bei empfindlichen Pferden entscheidend ist. Am problematischsten ist gestresstes Gras oder Gras, dass sich vom Frühjahr bis zum Herbst nicht in der Wachstumsphase befindet. Wächst das Gras nicht, speichert es jegliche Energie, die es durch Photosynthese bildet, ein – unter anderem in Form von Fruktanen, die im Verdacht stehen Hufrehe , EMS, Cushing oder andere Stoffwechselerkrankungen zu begünstigen.

Faktoren, die das Graswachstum hemmen und/oder die Energiespeicherung begünstigen:

  • Frost und Kälte
  • dauerhafter Verbiss (= sehr kurz genagte Weiden)
  • Sonnenschein
  • Trockenheit
  • niedergemähtes Gras

Nehmen wir also an, es ist ein extrem sonniger und warmer Frühlingstag. Das Gras bekommt sehr viel Sonnenstrahlung ab. Mehr, als es zum Wachstum benötigt. Die überschüssige Energie wird eingelagert und das Gras ist extrem reich an Fruktanen. Schlussfolgerung: Kein guter Tag zum Anweiden eines empfindlichen Pferdes. Ähnlich verhält es sich an Tagen, an denen noch Bodenfrost herrscht. Das Gras ist durch den Frost gestresst und reagiert mit der Einlagerung von Energie. Es ist schlichtweg zu kalt zum wachsen.

Schlechtes Anweidewetter herrscht also an kalten und sonnigen Tage (Frost steigert das Risiko zusätzlich) oder während langer Trockenheit. Das Gras kann in diesem Fall wegen Wassermangel seine Energie nicht ins Wachstum stecken, sondern „wartet ab“. Die gebildete Energie wird für bessere Zeiten eingelagert.

Schlussfolgernd ist mildes, bedecktes und/oder gar regnerisches Wetter ideal, um die Pferde zum ersten Mal aufs Grüne zu lassen. Bei Dunkelheit kann Gras übrigens auch keine Energie durch Photosynthese bilden. Im Gegenteil: Es verbraucht sämtliche Energie, die es im Laufe des Tages angesammelt hat. Mit ein Grund, weshalb Besitzer von Rehepferden gerne dazu übergehen, ihr Pferd über Nacht auf die Weide und tagsüber bei Heu auf dem Paddock zu lassen.

Schlechtes Wetter zum Anweiden empfindlicher Pferde:

  • kaltes Wetter
  • (Nacht-)Frost
  • kaltes und sehr sonniges Wetter
  • strahlender Sonnenschein

Gutes Wetter zum Anweiden empfindlicher Pferde:

  • bedeckter Himmel
  • warmes Wetter
  • Regen
  • milde Nächte

 

Völlig egal, ob euer Pferd generell empfindlich auf Futterumstellungen reagiert oder ob bisher immer alles gut gegangen ist: beobachtet euer Pferd und handelt individuell. Entwickelt es nach den ersten Weidetagen Durchfall, setzt es Kotwasser ab oder geht es klamm? Sofort wieder runter vom Gras, gegebenenfalls einen Tierarzt hinzuziehen und erst wieder mit dem Anweiden fortfahren, wenn alle Symptome verschwunden sind. Ganz wichtig: nach einer solchen Unterbrechung unbedingt wieder bei Tag eins des Anweidens beginnen.

Hat das Anweiden gut geklappt und steht das Pferd nun den halben oder gar den ganzen Tag ohne Probleme auf der Weide sollte die Heufütterung über den Sommer fortgeführt werden. Insbesondere auf unseren meist intensiv genutzten und speziell angelegten Weiden ist Artenreichtum an Kräutern und Gräsern meistens Mangelware. Ein zuviel an energiereichen Gräsern kann dabei auch das robusteste Pferd aus den Latschen hauen. Frisst es hingegen zwischendurch immer mal wieder gutes Heu oder etwas Stroh, kann das Gleichgewicht zwischen Rohfaserreichen Strukturen und energiereichem Gras im Dünndarm gewahrt werden.

Wie geht ihr beim Anweiden vor und habt ihr noch weitere Tipps oder Erfahrungen, die uns allen helfen können, Fehler beim Anweiden zu vermeiden?

Ich freue mich auf eure Anregungen.
Viele Grüße

Steffi

Zum Weiterlesen:

Bei Pferdeflüsterei gibt es ebenfalls einen Beitrag zum Anweiden.

Pferdespiegel schreibt über Kolik und Gras.

Übrigens: Viele weitere Tipps für Pferdehalter findest du auch in meinem eBook Pferdehaltung als Selbstversorger, das du dir hier kaufen kannst.

7 Kommentare zu “Pferde richtig anweiden: Ab auf die Wiese – aber nicht so schnell…

  1. Alle Jahre wieder… das bekannte Thema Anweiden. In manchen Ställen sehr schonend und behutsam – in anderen Ställen wird gar nicht angeweidet. Ich glaube pauschal kann man das nicht sehen. Es kommt viel auf die individuellen Pferde an und auch in welcher Form sich die Weiden befinden. Gerade in Zuchtställen ist es mit den Jungpferden üblich, dass diese nach der Winterperiode komplett ohne anzuweiden auf die Sommerkoppeln gelassen werden und dort dann gleich 24 Stunden verbringen. Mit Glück bekommen sie vorab ein paar Mal schon Grünfutter in den Trog. In der Warmblutzucht habe ich es aber auch noch nie erlebt, dass ein Jungpferd damit richtige Probleme bekommen hat. Vielleicht etwas Durchfall… aber noch nie eine Kolik oder Stoffwechselkrankheit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass unsere gefürchteten Pferdekrankheiten erst auftauchen, wenn wir die Pferde mehr im Stall halten und als Reitpferd ausbilden 🙁 Ich habe zum Glück ein Pferd, welches bisher nie Probleme mit dem Anweiden gehabt hat. Danke für den informativen Artikel!

  2. Sehr interessanter Blogbeitrag. Wir fangen jetzt langsam an mit dem Anweiden. Tag für Tag ein bisschen mehr, dass es am Anfang nicht zu krass ist. Danke für die Infos.

    Lg Manuel

  3. Pingback: Angrasen - Mit dem Pferd gesund in die Weidesaison starten

  4. Suse Bock

    Gut geschrieben! Ich weide meinen leichtfuttrigen Spanier im 5 Minuten-Takt an der Hand an; meistens in der Abendzeit als Belohnung. Hat bisher gut funktioniert und nach 4 Wochen können wir uns dem Rest der Herde anschließen, die dann eine knappe halbe Stunde gemeinsam auf die Weide gehen. So kann bei uns jeder seinem Pferd gemäß das anweiden regeln.

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  6. Pingback: Mineralstoffe – Was sie bewirken und wo sie vorkommen | Pferdefreunde

  7. Ein wunderbar informativer Artikel 🙂 Leider ist korrektes Anweiden in einigen großen Ställen schwierig, weil die Pferde einfach vom Personal rausgestellt werden, sobald die Koppeln wieder geöffnet sind. Da bleibt natürlich nicht viel Raum für individuelles, pferde-abhängiges Vorgehen …
    Die Risiken und Faktoren, die für das Anweiden eine Rolle spielen, hast du wirklich wunderbar beschrieben. Mir war gar nicht bewusst, dass das Wetter da so eine Rolle spielt. Na ja, wieder was gelernt 😀
    Viele Grüße 🙂

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