Rezension Reiten nur mit Sitzhilfe Die wissenschaftliche Grundlage einer fast vergessenen Kunst

Rezension: Reiten nur mit Sitzhilfe

Kannst du dich noch an deine ersten Reiterfahrungen erinnern? Wie alt bist du damals gewesen? Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr dran erinnern, ich war noch sehr jung. Aber ich sehe sehr oft unseren kleinen Sohn auf dem Pferderücken sitzen und ich kann dir sagen: Ich bin so neidisch auf seinen guten Sitz!

Unser dreijähriger Sohn sitzt völlig entspannt auf dem Pferderücken und folgt den Bewegungen total harmonisch und intuitiv. Wenn wir ausreiten – er reitet, ich führe – fängt er oft an ein Lied zu singen, bei dem er verschiedene Bewegungen mit den Armen machen muss. Dabei verliert er nie die Balance.

Bewusst vs. intuitiv: Wie wir unseren Sitz durch unser Wissen verschlimmbessern

An meinen Sohn musste ich immer wieder denken, als ich das Buch Reiten nur mit Sitzhilfe. Die wissenschaftliche Grundlage einer fast vergessenen Kunst von Dr. Brigitte Kaluza gelesen habe. Gleich zu Beginn schreibt sie:

„Warum ist es so sinnvoll, sich mit Neurobiologie und Gehirnfunktion zu befassen, wenn man eigentlich „nur“ besser reiten will? Sehen wir uns noch einmal die Problematik an, die seit Jahrhunderten auf dem Gebiet des Reitens und der Reitlehren besteht: Kinder, die noch zu klein sind, um Erklärungen zu verstehen und bewusst zu verarbeiten, lernen Reiten automatisch, einfach durch Erfühlen auf einem kooperativen Pferd. Reitlehrer, die erklären sollen, wie Reiten funktioniert, sprechen von Schenkel- und Zügelhilfen, aber wenn sich Erwachsene beim Reitenlernen an diese Instruktionen halten, ist das Ergebnis unvollkommen.“

Dr. Brigitte Kaluza, Reiten nur mit Sitzhilfe, S. 13
Buchtipp Reiten nur mit Sitzhilfe
Buchtipp Reiten nur mit Sitzhilfe

Hier habe ich mich irgendwie ertappt gefühlt. Als Kind war ich wesentlich intuitiver. Doch je älter ich wurde, je mehr Unfälle ich hatte und je mehr ich wusste, desto verkopfter und weniger intuitiv bin ich geworden.

Nach einer Phase, in der ich dachte, ein guter Knieschluss verhindert das Stürzen – diese Phase ist zum Glück jetzt lange schon her – musste ich viel an mir und meinem Sitz arbeiten, um wieder halbwegs entspannt zu sitzen. Ich denk mir oft, ich sitz locker. Meine Reitlehrerin sagt was anderes. So sehr täuscht das gewohnte Gefühl.

Je mehr ich in Reiten nur mit Sitzhilfe gelesen habe, desto mehr wuchs in mir der Wunsch, den Kopf einfach mal komplett auszulassen. Denn der Kopf ist seit längerem schon ein steter Begleiter…

Kleiner privater Einschub: Der Reitersitz spielt bei meiner Ausbildung zum Physio Riding Coach eine elementare Rolle. Und je mehr ich mich bewusst mit dem Thema auseinandergesetzt habe, desto größer wurde meine Hemmung, zu reiten. Je mehr ich als wusste, wie ich meinen Körper einsetzen muss, desto schwieriger wurde es für mich. So langsam taste ich mich wieder ran ans Reiten ran. Im Gelände gelingt es mir schon sehr gut, auf dem Platz sind die Reiteinheiten sehr kurz. Aber immerhin gibt es sie wieder.

Weißt du, was ich daraufhin gemacht habe? Ich habe mich ohne Sattel und mit Halsring aufs Pferd gesetzt und die Augen zugemacht, um einfach nur zu fühlen und mich in die Bewegung reinzufühlen, ohne abgelenkt zu sein und bewusst zu agieren. Ich wollte einfach nur fühlen. Natürlich hab ich die Augen immer wieder aufgemacht. Anfangs war das sehr seltsam. Beim Schenkelweichen zu einer Seite ist mir sogar leicht schwindelig geworden. Doch mit der Zeit fühlte es sich gut an. Lockerer. Intuitiver.

Dr. Brigitta Kaluza bezieht in all ihre Erläuterungen das Gehirn ein – und das gefällt mir sehr gut, schließlich ist das mein Fokusthema bei der Arbeit mit Pferden. Und dabei berichtet sie sehr spannende Dinge. So schreibt sie beispielsweise:

„Kinder erlenen die gemeinsame Bewegung mit dem Pferd vor allem deshalb so leicht, weil sie es spielerisch tun, nur im Moment lebend und aus Freude an der Bewegung. […] Kinder setzen beim Reiten vorrangig ihre rechte Gehirnhälfte ein, Erwachsene ihre linke. […] Bei Affen lässt sich […] beobachten, dass die linke Hand (gesteuert von der rechten Hirnhälfte) bevorzugt zum Fangen bewegter Objekte genutzt wird, während die rechte Hand (gelenkt  von der linken Hirnhälfte) bevorzugt zum Festhalten an einem Objekt dient.“

Dr. Brigitte Kaluza, Reiten nur mit Sitzhilfe, S. 26

Hier habe ich mich ertappt gefühlt: meine rechte Hand ist meine größte Schwachstelle beim Reiten. Ich neige nämlich dazu, rechts viel zu sehr festzuhalten. Intuitiv 😉. Besser wird es übrigens, wenn ich versuche den Kopf auszuschalten.

Was ich an Reiten nur mit Sitzhilfe mag

Besonders gut gefällt mir an Reiten nur mit Sitzhilfe, dass es die alten Wege der klassischen Reitkunst verlässt und neue Wege aufzeichnet. Neue Wege bedeutet: unter Einbeziehung des Gehirns und der neuronalen Steuerung. Dabei geht es zum Beispiel um Aspekte wie die Raum-Lage-Wahrnehmung, und die Bedeutung des Gleichgewichtssinns.

Außerdem geht es natürlich auch um die Sitzhilfen des Reiters, was sie bedeuten und wie sie ausgeführt werden müssen, um die Biomechanik des Pferdes nicht negativ zu beeinflussen. Dabei geht es auch um Zusammenhänge von Reitersitz und natürlicher Schiefe sowie dem Reitersitz bei der Gymnastizierung des Pferdes mit Seitengängen und Co.

Die Biomechnik und der Einfluss der Reitersitzes auf das Pferd wird ausführlich dargelegt und mit hilfreichen Grafiken.

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Fazit

Zum Thema Reitersitz habe ich bereits mehrere gute Bücher im Bücherregal stehen – Sally Swifts Centered Riding*, Mary Wanless Biomechanik des Reiters* und Eckard Meyners Reiten als Dialog* sind nur ein paar Beispiele. In diese Reihe gehört ab sofort auch Dr. Brigitte Kaluzas Reiten nur mit Sitzhilfe*.

Das Buch ist eine echte Bereicherung für jeden Reitlehrer und jedem ambitionierten Reiter. Es geht tief in die Themen Biomechanik von Pferd und Reiter ein und ergänzt vor allem die Biomechanik des Reiters um den Aspekt der neuronalen Steuerung. Was als Neuroathletik im klassischen Sport bereits Einzug gehalten und sich bewährt hat, kommt im Reitsport bislang zu kurz. Und das nicht nur in Bezug auf den Reiter, sondern auch in Bezug auf das Pferd.

Spielen mit Pferd: Förderung von Motorik, Koordination, Motivation

Das Buch ist „nicht mal eben so“ gelesen. Dafür ist es zur anspruchsvoll geschrieben – dem anspruchsvollen Thema entsprechend. Doch das macht nichts. Es fesselt trotzdem und sorgt für so manchen AHA-Effekt.

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