Rezension: Selbstbewusste Pferde. Wie Pferde ihre eigenen Übungen und Lektionen entwickeln

Buchcover Selbstbewusste Pferde von Imke Spilker

Reitkunst, wie ich sie verstehe, kann nur eine Kunst für Pferde sein und muss ihnen dienen! Nicht dem Ehrgeiz, der Show, der Volksbelustigung“, schreibt Imke Spilker in ihrem Buch Selbstbewusste Pferde. Und sie trifft damit absolut ins Schwarze.

Viel zu häufig vergessen wir Reiter unsere Pferde. Wir haben ein Bild von einem vermeintlichen Ideal im Kopf und wollen dieses Ideal mit unserem Pferd erreichen. Koste es, was es wolle. Nur selten stellen wir uns die Frage, ob unser Pferd von seinem Körperbau überhaupt in der Lage ist, dieses Ideal zu erfüllen. Habe ich ein Pferd mit wenig Ganaschenfreiheit, dann kann ich tun was ich will: Dieses Pferd wird sich niemals so aufrichten können, wie ein Pferd mit viel Ganaschenfreiheit. Wenn wir es trotzdem versuchen, geht das immer nur mit Zwang.

Und noch viel seltener stellen wir uns die Frage, was unser Pferd eigentlich von all dem hält, was wir mit ihm machen. Hat es Freude am gemeinsamen Training oder fügt es sich nur unseren Befehlen?

Ich glaube, dass es in den allermeisten Fällen ein Fügen ist. Wir gehen auf den Paddock oder holen das Pferd aus dem Stall, womöglich noch unter Zeitdruck, putzen schnell über und satteln unser Pferd, um es noch zu arbeiten.

Doch lassen wir unser Pferd mitentscheiden, ob wir lieber eine Runde durch den Wald drehen oder ein bisschen Dressur auf dem Platz reiten wollen? Oder ob wir heute vielleicht lieber nur entspannt miteinander Zeit verbringen wollen?

Viele sagen jetzt bestimmt: Wenn ein Pferd die Wahl hat, dann möchte es doch niemals Dressur auf dem Platz reiten wollen. So hätte ich auch lange Zeit geantwortet. Heute würde meine Antwort anders ausfallen.  

Buchtipp: Selbstbewusste Pferde von Imke Spilker

Imke Spilker zeigt in ihrem Buch was passiert, wenn man sich selbst ein wenig zurücknimmt und sein Pferd mitreden lässt. Sie schreibt weiter:

„Sobald ein Pferd die Erfahrung gemacht hat, wie hilfreich und nützlich es sein kann, mit Hilfe des Menschen zu arbeiten, wird der Übergang in den Arbeitsprozess kein Problem mehr sein.“

Imke Spilker, Selbstbewusste Pferde

Und so sehe ich es auch. Natürlich ist es für mein Pferd anstrengend, Schulterherein, Travers, Renvers, Traversalen und ähnliches zu reiten. Aber ich habe immer mehr das Gefühl, dass es zunehmend Freude daran hat, weil es sich durch diese Übungen und Lektionen gut fühlt.

Gleiches sehe ich bei den Übungen aus der Pferdeergotherapie, die dazu dienen, das Körpergefühl zu verbessern.

Das verbesserte Körpergefühl und die Stärke, die es durch dieses Training entwickelt hat, zeigen sich aber nicht nur durch die körperliche Veränderung. Mein Pferd hat auch zunehmend an Selbstbewusstsein gewonnen.

Na klar: Fühlen wir uns gut und stark in unserem Körper, gehen wir mit erhobenem Kopf durchs Leben. Fühlen wir uns aber schwach und unwohl, ziehen wir den Kopf ein.

Doch nicht nur das: Je besser das Körpergefühl unseres Pferdes ist, desto besser wird auch seine Bewegungsqualität (Stichwort: Propriozeption). Ein Beispiel: Beim Schulterherein wird die Lastaufnahme der Hinterhand gefördert. Wenn ein Pferd sein Gewicht auf die Hinterhand nimmt, wird es viel beweglicher und wendiger. Und das spürt es auch. Es fühlt sich gut an für das Pferd. Und wenn es sich für das Pferd gut und richtig anfühlt, arbeitet es auch gern mit uns zusammen an solch schwierigen Lektionen. Hier erinnert mich das Buch übrigens sehr an Intrinzen – denn klar, hat ein Pferd Freude an etwas, dann ist es intrinsisch motiviert.

Was ich an Selbstbewusste Pferde von Imke Spilker mag

„Selbstbewusste Pferde“ ist ein Buch, das die „klassische Sicht“ und die „alternative Sicht“ verbindet. Ich habe beides absichtlich in Tüddeln gesetzt, denn es gibt nicht DIE klassische Sicht und DIE alternative Sicht. Aber es bringt das Reiten von schwierigen Lektionen (damit meine ich „klassische Sicht“) mit Freiarbeit, Mitsprache des Pferdes und Motivation zusammen. Das habe ich bislang in keinem anderen Buch so gefunden. Entweder ging es (emotionslos) um das WIE und das WARUM von Lektionen und Übungen. Oder es ging um die Freiarbeit und das „mit den Pferden sein“. Schwierige Lektionen haben da meist nur wenig Raum.

In diesem Buch geht es aber weniger darum eine schwierige Lektion aufzudröseln und zu schauen, wie sie zu reiten ist und warum sie aus anatomischer/biomechanischer Sicht dem Pferd nutzt oder schadet. Es geht vielmehr darum zu erkennen, welchen Nutzen eine Übung wirklich für das Pferd hat – Stichwort Körperbewusstsein/Selbstbewusstsein – und diese GEMEINSAM mit dem Pferd zu entwickeln.

Das Buch hilft, einen anderen Blickwinkel auf unser Zusammensein mit unserem Pferd zu werfen.

Fazit

Imke Spilker hat mit „Selbstbewusste Pferde“ ein unglaublich gutes Buch geschrieben, dessen Lektüre ich dir wirklich, wirklich ans Herz legen möchte. Wenn ich sage „das Buch öffnet dem Leser eine Tür zu einer anderen Welt“ klingt das total pathetisch. Aber ich habe bislang noch kein vergleichbares Buch gelesen (und ich habe schon sehr, sehr viele Bücher gelesen 😉 ), das es schafft, das Denken über und die Herangehensweise an das Training mit dem Pferd aus einem so pferdefreundlichen Blickwinkel zu betrachten. Die Lektüre des Buches hat mir sehr viele Denkanstöße gegeben und mich dazu gebracht, das ein oder andere nochmal neu zu überdenken.

Und nicht nur das: Das Buch zeigt auf eine tolle Weise, wie wichtig die Bewegung und ein gutes Körpergefühl für die Befindlichkeit des Pferdes ist. Hier konnte ich beim Lesen immer wieder zustimmend nicken, denn als Pferdeergotherapeutin ist es mein Ziel, meinen Kundenpferden zu einem besseren Körpergefühl zu verhelfen.

Wenn auch du das Buch lesen möchtest, dann kannst du es hier bestellen (Affiliate Link):

Vielen Dank an den animal Learn Verlag für das Rezensionsexemplar!

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