Pferd und Kind

Kinderpferd: ein anspruchsvoller Job für Pferde

Kinderpferd

Siehst auch du immer wieder Verkaufsanzeigen, in denen „das ideale Kinderpferd“ zu einem verhältnismäßig günstigen Preis angeboten werden? Schaut man sich die Anzeigen genauer an, handelt es sich sehr oft um alte Pferde. Viele Menschen denken nämlich, dass sich alte Pferde bestens als Kinderpferde eignen, wenn sie von uns Erwachsenen nicht mehr geritten werden können. Mich ärgern solche Anzeigen. Denn ein altes Pferd ist in meinen Augen kein Kinderpferd.

Der Job eines Kinderpferdes ist sehr anspruchsvoll und vergleichbar mit dem Job eines Therapiepferdes (darüber habe ich hier ausführlich geschrieben) und erfordert von einem Pferd neben der emotionalen Reife vor allem auch körperliche Gesundheit. Dies ist aber bei alten Pferden nicht immer gegeben. Viele angebotene Senioren haben einfach keine Kraft mehr, um den Ansprüchen der erwachsenen Reiter zu genügen, um sie aber dennoch verkaufen zu können, werden sie als „ideales Kinderpferd“ tituliert.

In ihrem jüngst erschienenen Buch Kleine Reiter ganz groß – So lernen Kinder das Pferde-Abc haben sich die Autorinnen Ruth Katzenberger-Schmelcher, Yvonne Katzenberger und Helene Kohlschmid (bekannt vom Team Shetty-Sport) mit dem Thema Kinder und Pferde auseinandergesetzt und greifen dabei nicht nur die Frage auf, was ein gutes Kinderpferd ausmacht, sondern auch wie guter Unterricht für Kinder aussieht. Dabei steht vor allem eins im Vordergrund: Der faire Umgang mit dem Pferd.

Erinnerst du dich noch an deine ersten Reitstunden und deinen ersten Kontakt mit Pferden? Wie war das? Bist du in einer Reitschule gewesen, in der man auf bereits gesattelte Schulpferde stieg und hoffte, dass man nicht runterfiel? Wie viel Bodenarbeit wurde gemacht?

Ich selbst war nie in so einer Reitschule. Als Kind hatte ich immer mal wieder Unterricht, wenn ich zu Besuch bei einer Freundin war, die Pferde hatten. Ihre Mama hat uns unterrichtet. Außerdem hatten wir selbst Pferde bzw. meine Mama hatte damals ein Jungpferd, das erst geritten wurde, als ich etwa 10 Jahre alt war. Doch putzen und führen durfte ich das Pferd natürlich schon vorher. So habe ich schon als Kind gelernt, dass ein Pferd viel mehr ist als „nur reiten“.

Doch genau daran hapert es noch in vielen Reitschulen, denn oft geht es nur darum, Reiten zu lernen. Bodenarbeit spielt hierbei keine Rolle, ebenso wenig der faire Umgang mit dem Pferd. Denn mal ehrlich: Wenn Kinder von Anfang an auf ausgebunden Pferden reiten und hören, sie müssen die Gerte nutzen oder die Hacken in den Bauch drücken, weil das Pferd nicht laufen möchte, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass es so oft an Fairness in der Pferdewelt fehlt.

Genau das möchte das Autorinnen-Trio mit dem Buch ändern und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig es ist, Kindern von klein auf zu zeigen, dass ein Pferd viel mehr bietet und dass sich auch Bodenarbeit und Zirkustricks prima in den Unterricht integrieren lassen. Neben Praxistipps für die Ausbildung eines (schrecksicheren) Kinderpferdes, bieten sie auch jede Menge Ideen für den Unterricht mit Kindern – sowohl vom Boden, als auch vom Pferderücken. Und auch wenn der Fokus auf Reitschulen gerichtet ist, kann jeder, der Kind und Pferd hat, davon profitieren.

Kleine Reiter ganz groß - Buchcover
Kleine Reiter ganz groß – So lernen Kind der das Pferde-ABC

Karolina von 360° Pferd: Liebe Ruth, erzähl doch mal: Wie seid Ihr auf die Idee für das Buch gekommen und was war Eure Intention?

Ruth Katzenberger-Schmelcher: Die Idee zum Buch entstand aus der Erinnerung an die eigenen, ersten Reitstunden – auch wenn das nun schon einige Jahre zurückliegt, sind uns die militärisch anmutende Reitlehrerin, die fragwürdigen Haltungsbedingungen für die Pferde und die Schulponys, die wir wahrlich nicht immer nett behandelt haben, in bleibender Erinnerung.

Aus unserer heutigen Sicht war der Unterricht sogar ziemlich katastrophal. Als Kind sieht man das natürlich anders. Und so sind wir auch schon bei der Intention zum Buch:  Wir wollen zeigen, dass es kinder- und pferdegerechten Unterricht geben kann. Eines sollten wir schließlich nicht vergessen: Die Kinder von heute sind die Reiter von morgen. Wir dürfen uns nicht wundern, dass immer noch viele zu viele Menschen ungerecht und teilweise brutal mit ihren Pferden umgehen, wenn sie dieses Verhalten schon im Kindesalter gelernt haben.

Warum ist Reiten ein toller Sport für Kinder bzw. welche Vorteile bringt selbst kleinen Kindern der Umgang mit Pferden?

Pferde haben zum einen einen hohen Aufforderungscharakter und wirken sozusagen als „Eisbrecher“. Schließlich leben Kinder in einer fantasievollen Welt, in der es viel zu entdecken und begreifen gibt. Ganz abgesehen von den körperlichen Anforderungen – wie z.B. der Schulung von Motorik und Koordination -, dürfen soziale und emotionale Aspekte nicht außer Acht gelassen werden. In der heutigen, schnelllebigen Zeit haben oft schon die Kleinsten einen übervollen Terminkalender. Die Zeit im Pferdestall kann hier eine sinnvolle Auszeit sein – schließlich nimmt einen das Pferd genau so an, wie man ist: Ohne Erwartungen, ohne Wertungen. Kinder lernen hier auch, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und ein anderes Lebewesen.

Was macht ein gutes Kinderpferd aus?

Ein gutes Kinderpferd muss in erster Linie mit den Anforderungen zu Recht kommen, die der Umgang mit Kindern mit sich bringt. Kinder sind in ihrem ganzen Verhalten eben noch nicht so kontrolliert wie Erwachsene: Es wird vor Freude laut gelacht, auch mal herzzerreißend geweint, es wird gerannt und gespielt. Der kleine Körper ist koordinativ noch nicht in der Lage, alle Bewegungen gezielt auszuführen: Beim Führen wird schon mal über die eigenen Beine gestolpert, der Reitersitz ist noch sehr wackelig und die Hilfen werden nicht immer fein gegeben.

Das Kinderpferd muss all diese Herausforderungen gelassen meistern. Andererseits darf man auch nicht erwarten, dass diese Gelassenheit bei jedem Pferd von Geburt an vorhanden ist. Jeder Trainer ist dafür verantwortlich, dass er Kinderpferde so trainiert und vorbereitet, dass sie ihrer Aufgabe gewachsen sind. Das bedeutet aber auch, dass er sich die Zeit nehmen muss, das Pferd entsprechend zu trainieren.

Außerdem sollte ein Kinderpferd zur Kindergröße passen: Uns ist wichtig, dass Kinder lernen, selbstständig und selbstinstruiert zu handeln. Das wird allerdings schwer, wenn ein Grundschulkind einen Sattel auf ein Shire Horse legen muss. Pferdegröße und Stallumgebung sollten deshalb unbedingt zur Kindergröße passen! Im Buch haben wir deswegen auch ein paar Tipps, wie man einen Stall kindgerecht gestalten kann.

Kann jedes Pferd ein gutes Kinderpferd werden?

Grundsätzlich muss jeder Trainer dafür sorgen, dass das Pferd genügend Zeit bekommt, um in Ruhe auf die Aufgaben als Kinderpferd vorbereitet zu werden. Die Aufgaben sind aber alles andere als leicht. Nicht nur der Umgang mit Kindern an sich will gemeistert werden, darüber hinaus soll das Pferd auch ein wahrer Allrounder sein: ein bisschen Dressur, ein bisschen Springen, ein bisschen Geländepferd etc. Uns ist besonders wichtig, dass die Bedürfnisse des Pferdes niemals außer Acht gelassen werden: Nicht jedes Pferd ist ein cooles Geländepferd. Vielleicht ist der ein oder andere Wunsch zum Wohle des Pferdes nicht immer erfüllbar. Dennoch: Ein Pferd kann auf einem Gebiet ganz hervorragend als Kinderpferd geeignet sein und in einem anderen nicht. Dann liegt es am Trainer, sich eben auf das Gebiet zu konzentrieren, das dem Pferd besonders gut liegt. Erzwungen und über die Bedürfnisse des Pferdes hinweg gearbeitet darf aber nie werden.

Wieso sieht man immer wieder Anzeigen, in denen alte Pferde als Kinderpferde angeboten werden? Ist das reine Unwissenheit?

Alte Pferde werden oftmals von ihren Besitzern abgegeben, weil sie deren Bedürfnisse nicht mehr befriedigen. Das Seniorenpferd taugt dann nicht mehr fürs Turnier, für Distanzritte oder ähnliches.

Alte Pferde haben aber – ebenso wie alte Menschen – besondere Bedürfnisse, die nicht selten mit körperlichen Einschränkungen einher gehen. Diese Bedürfnisse widersprechen (in den meisten Fällen) gerade den Anforderungen an ein Kinderpferd. Kinder müssen erst lernen, mit ihrem eigenen Körper umzugehen – ein altes Pferd kann diesen Lernprozess meist nicht adäquat begleiten. Wenn ein Pferd abgegeben wird, weil es als nicht mehr reitbar gilt, dann sollte das auch für Kinder gelten. Kinder mögen zwar leichter sein als Erwachsene, der Gewichtsvorteil wird aber durch einen schlechteren Reitersitz wettgemacht.

Kinderpferde haben einen wahrlich herausfordernden Job – das darf man nie unterschätzen.

Wieso es dennoch so viele Anzeigen für „ausrangierte“ Senioren gibt? Letztlich machen sich leider viel zu wenige Menschen Gedanken darüber, was es für das Pferd bedeutet, ein Lehrmeister zu sein – sowohl körperlich als auch mental.

Was läuft Deiner Meinung nach falsch in den meisten Reitschulen und warum?

Der Umgang mit dem Pferd wird schon gar nicht mehr richtig gelehrt. Entweder steht das bereits gesattelte Pferd parat oder die Kinder müssen ganz alleine bzw. mit den pferdeunerfahrenen Eltern selbst satteln. Zudem geht es in den meisten Reitschulen nur ums Reiten.

In der Pferdewelt der Erwachsenen hat sich die Erkenntnis, dass Bodenarbeit sehr wichtig ist, längst durchgesetzt. Bei Kindern verzichtet man aber darauf, ihnen verschiedene Übungen am Boden zu zeigen. „Helm auf – ab aufs Pferd“ lautet das Motto. Die Kommunikation mit dem Pferd findet aber nicht nur auf dem Pferderücken statt – sondern eben auch vom Boden aus. Uns war es deshalb besonders wichtig, Trainern Ideen für Spiele zur Bodenarbeit an die Hand zu geben.

Auch die Verhaltensweisen des Pferdes bleiben im Reitunterricht oft unberücksichtigt: Bockt das sture Pony, muss sich das Kind mit der Gerte durchsetzen. Wieso das Pferd nicht so möchte, wie der kleine Reiter, bleibt unerwähnt. Statt auf Erklärungen und Verständnis zu setzten, wird den Kindern lieber beigebracht, sich mit Druck durchzusetzen. Und dieses Durchsetzen funktioniert leider in vielen Fällen auch deshalb scheinbar so gut, weil die Schulpferde regelrecht mit Ausbindern zusammengezurrt werden und damit gar keine andere Wahl haben als zu „funktionieren“.

Auch die Haltungsbedingungen sind in sehr vielen Reitschulen inakzeptabel. Die Pferde stehen oft in viel zu kleinen Boxen und haben entweder gar keinen oder viel zu wenig Weidegang.

Der Grund dafür? Nun, der wird – wie so oft im Leben – in der „Wirtschaftlichkeit“ liegen. Hier müssen sich aber auch die Eltern an die Nase fassen: Gutes Training mit gut ausgebildeten Ponys, die artgerecht leben, hat eben seinen Preis.

Worauf sollten Eltern achten, wenn sie ihre Kinder zum Reiten anmelden möchten?

Die Eltern sollten sich Stall und Trainer genau ansehen. Auch pferdeunerfahrene Eltern können einige Dinge sehen: Die Pferde müssen unbedingt artgerecht leben, denn nur ein ausgeglichenes Pferd kann ein gutes Kinderpferd sein. Weidegang und ausreichend Zeit und Platz für freie Bewegung müssen eine Selbstverständlichkeit sein. Die Stallungen sollten sauber und gepflegt sein. Die Ausrüstung für Pferd und Mensch muss schon aus Sicherheitsgründen neuwertig und ordentlich sein. Die Pferde müssen gepflegt und gesund sein. Für uns sind zudem Ausbinder im Unterricht ein No-Go.

Der Trainer selbst sollte die Fähigkeit besitzen, Kinder zu motivieren – mit abwechslungsreichem Unterricht und vielen Spieleideen. Zudem sollte er sich die Zeit nehmen, gerade im Vorfeld alle Fragen von Kind und Eltern ausführlich zu beantworten.

Danke Ruth, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten!

Das Buch Kleine Reiter ganz groß – So lernen Kinder das Pferde-Abc ist unter anderem hier* erhältlich:


Und nun bin ich gespannt: Welche Erfahrungen hast du gemacht, als du reiten gelernt hast? Bist du in einer klassischen Reitschule gewesen? Oder geht dein Kind in eine klassische Reitschule? Vielleicht magst du es ja in einem Kommentar erzählen.

Viele Grüße

 

 

 

*Bei dem Link handelt es sich um einen Affiliate-Link. Wenn du darüber das Buch kaufst, bekomme ich eine mini kleine Provision. Damit bezahle ich unter anderem die Hostinggebühren für diese Seite.

  1. Pferde können Kinder helfen mehr über sich selbst zu lernen. Sie geben Kinder positive Emotionen mit auf ihren Lebensweg, der von Menschen/Eltern oft nicht ideal vorgelebt werden. Ich glaube Kinder die mit einem Pferd aufwachsen dürfen bekommen eine stärkere Persönlichkeit. Super Artikel, LG Basti

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