Therapiepferd ausbilden

Therapiepferde: starke Nerven und eine ordentliche Ausbildung

Von wegen Schreckgespenster: Bälle, Tücher, lärmende Kinder und unkontrollierte Bewegungen – ein Pferd, das von Reitern mit Handicap geritten wird, muss einiges abkönnen. Wenn es zu Therapiezwecken eingesetzt wird und Menschen mit Handicap helfen soll, braucht es nämlich ganz schön starke Nerven und eine ordentliche Ausbildung. Außerdem braucht es ein großes Vertrauen in den Menschen – das ist das A und O.


Ein Pferd, das als Therapiepferd für Menschen mit Handicap eingesetzt werden soll, benötigt eine gewisse Reife – emotional und körperlich. Andernfalls kann es schnell passieren, dass es überfordert ist. Vor allem wie die Islandpferde sollten deswegen nicht zu früh in die Ausbildung gehen.

Susanne Moersener, Sozial- und Reitpädagogin sowie Dozentin für tiergestützte Pädagogik an der FH Holzminden, hat schon einige Pferde für Menschen mit Handicap ausgebildet. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass ältere gesunde Pferde aufgrund ihrer Lebenserfahrung häufig gelassener sind als junge Pferde. „Aber das ist natürlich nicht die Regel, denn ein junges Pferd, das Freude am Lernen hat, kann seine Aufgabe ebenfalls sehr gut machen“, sagt sie.

Exterieur und Charakter: Ein Therapiepferd muss seiner Arbeit gewachsen sein

Wenn sich die Reitpädagogin auf die Suche nach einem Pferd für Reiter mit Handicap macht, dann sucht sie nicht nach einer bestimmten Rasse. Sie schaut sich die Pferde individuell an. Wichtig ist, dass sie gesund sind, anders könnten sie der schweren Arbeit, die sie als Therapiepferd leisten, nicht gewachsen zu sein.

Auch das Exterieur kann von Bedeutung sein, denn je nachdem, wie groß und schwer die Reiter sind, muss auch das Pferd entsprechend stämmig sein. Für kleinere Kinder eigne sich eher ein Pony, mit dem die Kinder selbständig umgehen können, sagt Susanne Moersener, ein größeres Pferd hingegen verleihe ein stärkeres Gefühl des Getragenwerdens. Allen Therapiepferden gemein sein sollte aber ihre Freundlichkeit und Neugierde und natürlich müssen sie motiviert und menschenbezogen sein.

Abgestumpfte Pferde sind fehl am Platz

Abgestumpfte Pferde, die alles mitmachen aber eigentlich gar nicht richtig dabei sind, sind hier völlig fehl am Platz. Und zwar aus gutem Grund: Pferde reagieren auf das Verhalten des Menschen und lassen ihn die Auswirkungen seines Handelns direkt spüren. Ein abgestumpftes Pferd dagegen zeigt diese deutlichen Reaktionen kaum noch.

Um zu verhindern, dass ein Pferd durch die Arbeit abstumpft, muss ihm möglichst viel Abwechslung geboten werden – und das nicht nur während der Ausbildung. „Unsere Ponys werden alle freizeitmäßig geritten oder gefahren. Das bietet ihnen die nötige Abwechslung und gymnastiziert sie. Alle Pferde leben bei uns in der großen Gruppe und dürfen sich täglich auf großen Wiesen austoben. Ich bin davon überzeugt, dass nur ein zufriedenes Pferd, das möglichst artgerecht leben darf, Ausgeglichenheit und damit die Voraussetzung für ein gutes Therapiepferd mitbringt“, verrät Susanne Moersener.

Die Zufriedenheit des Tieres steht bei Susanne Moersener auch im Mittelpunkt der eigentlichen Ausbildung. „Ich möchte erst einmal Vertrauen schaffen – und zwar auf beiden Seiten“ erklärt sie. „Wenn ein Pferd neu zu mir kommt, dann nehme ich mir die Zeit es zu beobachten, gebe uns Zeit zum Kennenlernen und beginne mit einem freundlichen Aufbau einer Beziehung. Jedes Pferd hat seinen individuellen Charakter und eine eigene Geschichte. Es hat Vorlieben und Abneigungen. Ein Pferd ist charakterstark und mutig, ein anderes eher ängstlich. Erst wenn es bei mir angekommen ist und sich sicher in seiner Umgebung fühlt, beginne ich mit der eigentlichen Ausbildung.“

Die Ausbildung des Therapiepferds

Wie die Ausbildung gestaltet wird, obliegt jedem selbst und richtet sich individuell nach dem Pferd. Eine Regelung, was es beherrschen muss, gibt es ebenso wenig wie eine Abschlussprüfung. Die einen bilden ihr Pferd nach den Richtlinien der FN aus, andere legen ihren Schwerpunkt auf das klassische Reiten und wer Islandpferde hat, der wird seinen Fokus sicherlich auf das Gangreiten legen.

Inhaltlich unterscheidet sich die Ausbildung eines Therapiepferdes eigentlich nicht von der Grundausbildung eines jeden anderen Pferdes. Allerdings müssen Pferde, die von Menschen mit Handicap geritten werden, sehr gelassen und sicher sein.

„Besonders auf die Arbeit mit mehrfach behinderten Menschen müssen die Pferde gut vorbereitet werden. Sie müssen zum Beispiel lernen, an eine Rampe oder eine Aufsteighilfe heranzutreten und still zu stehen. Und auch auf unvorhersehbare und plötzliche emotionale Reaktionen muss das Pferd vorbereitet sein, schließlich wird es immer mal wieder mit lautem Schreien, unkoordinierten Körperbewegungen und aggressivem Veralten konfrontiert“, sagt Susanne Moersener und erzählt von ihrem Schüler Tim* der einmal in der Woche mit der Förderschule zum therapeutischen Reiten zu ihr kommt. Der 14-Jährige ist mehrfach geistig und körperlich behindert und aufgrund starker Spastiken auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen. Dank der Schienen an seinen Beinen, kann er aber mit Hilfe kurze Strecken laufen. „Tim liebt es, den Norweger Banjo zu putzen. Er stützt sich dabei an ihm ab und findet so für einige Zeit den nötigen Halt, um selbständig zu stehen. Banjo gibt Tim dafür die erforderliche Sicherheit. Er ist empathisch und spürt die Unsicherheiten des Menschen sehr gut. Deswegen reagiert er mit außergewöhnlicher Vorsicht. Voraussetzung dafür sind eine gute Grunderziehung sowie der Gehorsam des Pferdes.“

Therapiepferd mit RegenschirmDamit stark beeinträchtigte Menschen wie Tim reiten können, muss das Pferd absolut schreckfrei sein und auch in unvorhersehbaren Situationen gelassen bleiben. Bis der 14-Jährige auf dem Pferd ist, können gut und gerne fünf bis zehn Minuten vergehen. Er steigt von einer hohen Rampe aus auf und braucht dafür die Hilfe mehrerer Personen. Dafür muss das Tier gelernt haben, solange ruhig zu stehen, bis das Signal zum Losgehen kommt.

Gelassenheitstraining und Bodenarbeit

Susanne Moersener geht mit ihren Pferden deswegen sehr viel ins Gelände. „Flatternde Planen, bellende Hunde, spielende Kinder, große Fahrzeuge und Baustellen – all das sind die Lehrmeister in Punkto Gelassenheitstraining“, ist sie überzeugt. Und mit je mehr Schreckgespenstern ein Pferd konfrontiert wird, desto gelassener wird es und desto mehr Vertrauen gewinnt es in den Menschen. Es weiß, dass ihm nichts passiert und es keine Angst haben braucht, wenn mal ein Ball durch die Luft fliegt.

Weil neben dem Gelassenheitstraining vor allem die Bodenarbeit eine wesentliche Rolle spielt, führt sie ihre Pferde häufig am Strick oder arbeitet mit dem Langzügel. Wichtig bei der Bodenarbeit sei, dass man sich verstehe und die gleiche Sprache spreche, schließlich finde die Kommunikation zwischen Reitlehrer und Pferd vom Boden aus statt.

Die Sprache des Pferdes

„Pferde haben eine sehr feine Sprache und sie kommunizieren anders mit dem Körper als wir Menschen. Um Pferde zu verstehen und sie nicht misszuverstehen, müssen wir ihre Körpersprache deuten können. Wenn wir verstehen, wie sich ein Pferd in der Herde verhält, dann können wir Rückschlüsse auf sein Verhalten gegenüber uns Menschen ziehen.“ Ein Beispiel ist das Ohrenspiel. Zeigen die Ohren des Pferdes nach vorne, dann ist es aufmerksam. Nach hinten gelegte Ohren zeigen, dass das Pferd sich unwohl fühlt. Möglicherweise gefällt ihm etwas nicht oder vielleicht hat es sogar Schmerzen. Je flacher die Ohren angelegt sind, desto deutlicher ist das Signal: Lass mich in Ruhe. [Über die Sprache der Pferde kannst du hier mehr lesen.]

„Die Sprache des Pferdes ist wichtiger Bestandteil der pädagogischen Arbeit. In meiner Praxis habe ich viel mit Kinder mit Autismus zu tun. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung fällt es schwer oder es ist ihnen gar unmöglich, die Körpersprache des Gegenübers zu erkennen und zu deuten. Sie sind häufig kaum in der Lage Emotionen wie Freude, Trauer oder Angst aus einem menschlichen Gesicht abzulesen. Außerdem verstehen sie keine Zweideutigkeiten. Autisten müssen mühsam erlernen, ihr Gegenüber zu erkennen und zu verstehen. Beim Pferd ist es leichter: Das Pferd gibt immer klare und eindeutige Signale und es reagiert sofort. So kann es viel leichter die Aufmerksamkeit des Patienten gewinnen“ erklärt die Reitpädagogin. „Wer sich dem Pferd gegenüber mit Körper und Sprache verständlich machen kann, der hat eine gute Basis für das tägliche Leben in der menschlichen Gesellschaft.“

Bei der Ausbildung ihrer Pferde bekommt Susanne Moersener auch immer wieder Unterstützung von ihren Töchtern. So wird zum Beispiel eine Ponyhochzeit inszeniert, zu der die Pferde selbstverständlich entsprechend mit Schleier und Zylinderhut herausputzt werden. Mehr Gelassenheitstraining gibt es kaum. Und erst wenn ein Pferd diese Ausbildung durchlaufen hat und so sicher ist, setzt Susanne Moersener auch gehandicapte Reitschüler wie Tim drauf. Sobald er auf dem Pferderücken sitzt, zeigt sich, dass sich die gründliche Ausbildung gelohnt hat: Die Bewegung des Pferdes entspannt ihn und seine Muskeln und schafft es seine Spastiken zu lösen.

*Name von der Redaktion geändert

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift DAS ISLANDPFERD 3/2014. Er war der zweite Teil meiner Serie zum Thema „Reiten mit Handicap“. Im ersten Teil ging es allgemein um therapeutisches Reiten.

Bis bald,

Karo von 360° Pferd

  1. Ein spannender Artikel 🙂 Meine Frau Bodenarbeitstrainerin sagt immer, dass meine Jungstute ein gutes Therapiepferd wäre, weil sie so cool und neugierig ist. Es macht richtig Spaß mit ihr am Boden zu arbeiten. Ich schaue mir auch immer ihre Ohren genau an. Die manchmal aber auch nach hinten zeigen, weil sie mit der Aufmerksamkeit dort ist, wo ich gerade bin oder etwas von ihr erbitte. Ich glaube, dass man das Ohrenspiel immer mit der Gesamtkörperspannung und dem Gesichtsausdruck deuten muss. Was ich oft gar nicht so einfach finde. Aber die Gleichung „Ohren liegen nicht vorne = Pferd fühlt sich unwohl“ gilt nicht immer, würde ich sagen. Die Ohren sind eben manchmal einfach auch dort, wo etwas passiert 🙂 Das ist zumindest meine Erfahrung. Ganz liebe Grüße, Petra

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