Dein Pferd lässt sich nicht einsprühen? Warum Training allein nicht immer reicht

Pferd einsprühen

Lässt sich auch dein Pferd nicht einsprühen? Und erzählt dir jeder, dass du dich mal durchsetzen musst und es nur eine Sache des Trainings sei? Dann lass dir sagen: Nein, das stimmt nicht!

Seit gut zehn Jahren ist mein Pferd bereits bei mir. Und zehn Jahre lang habe ich (erfolglos) versucht, es an Fliegenspray zu gewöhnen. Und  glaub mir, ich habe wirklich alles versucht, was mir einfiel. Und nicht nur ich bin „gescheitert“, auch andere Personen haben es erfolglos versucht.

Einsprühen ist nicht einfach nur einsprühen

Einsprühen ist ein recht komplexes Ding, das verschiedene (vermeintlich gruselige) Komponenten beinhaltet:

  • Zisch-Geräusch
  • Diffuse Reize
  • (Unangenehmer) Geruch

Bei Sleipi waren es in erster Linie das Geräusch und der diffuse Reiz, wenn die Tropfen auf den Körper treffen, die das Einsprühen so schwierig gemacht haben. Außerdem reagiert er auf Duft sehr empfindlich, da ich aber immer nur mit Wasser geübt habe, spielt dieser Punkt erstmal keine Rolle. (Wusstest du eigentlich, dass Pferde noch besser riechen können als Hunde? Dazu aber am Ende des Beitrags mehr…)

Panische Angst für der Sprühflasche

Als Sleipi zu mir kam und noch gar nichts kannte, habe ich ihn vom Boden aus sehr vielfältig und abwechslungsreich gearbeitet und an die unterschiedlichsten Dinge herangeführt. Wir durften sogar beim Hofturnier bei der Gelassenheitsprüfung gegen die erwachsenen Reitpferde antreten (ich habe geführt) und er war total cool und unerschrocken.

Nur das Einsprühen war von Anfang an nicht möglich. Er reagierte sofort mit Panik.

Und das nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Menschen. Nichts half, nicht mal lautes Singen.

Einmal musste ich mir von einer sehr unfreundlichen Tierärztin anhören, mein Pferd würde sich nur anstellen und sei frech. Verzweifelt wie ich war habe ich daraufhin das Sprühtraining ins Roundpen verlagert. Sonst habe ich immer unangebunden geübt – das Ergebnis war, dass mich mein Pferd mehr oder weniger über den Hof gezogen hat. Angebunden wollte ich es aufgrund seiner panischen Angst nicht versuchen, das war mir zu gefährlich.

Also sind wir ins Roundpen gegangen und haben es erneut versucht. Ganz frei. Und was war? Mein Pferd ist durch das geschlossene Holztor gesprungen. Da war mir klar: Wenn ein Pferd so reagiert, ist es nicht einfach nur frech oder hat keine Lust. Da steckt sehr viel mehr dahinter.

Danach habe ich das Einsprühtraining beendet und er hat eine Fliegenausreitdecke bekommen (kann ich dir übrigens SEHR empfehlen, auch wenn du dein Pferd einsprühen kannst).

Die Angst war aber dennoch da und so hat Sleipi sogar einmal sein Halfter zerrissen, als ein Pferd neben ihm eingesprüht wurde.

Wenn Pferde sich nicht einsprühen lassen, liegt manchmal auch ein Problem bei der Reizverarbeitung vor
Wenn Pferde sich nicht einsprühen lassen, liegt manchmal auch ein Problem bei der Reizverarbeitung vor

Einsprühtraining mit positiver Verstärkung

Gemeinsam mit Pferdeverhaltenstherapeutin und Trainerin Mata Pohl habe ich vor einem Jahr einen neuen Versuch gestartet. Mata arbeitet viel mit positiver Verstärkung (hier schreibt sie, warum Clickertraining mehr ist als nur eine Spielerei) und mit ihrer Hilfe habe ich schnell einen tollen Erfolg gesehen: Ich konnte recht bald schon dicht neben Sleipi sprühen und es hat ihn nicht gestört. Ein paar Mal konnte ich ihn sogar direkt ansprühen und es war okay für ihn. Er war nicht entspannt, es war aber okay.

Doch dann waren die heißen Sommertage vorbei und ich habe das Einsprühtraining ein wenig schleifen lassen (wie es ja leider oft so ist).

Beim nächsten Mal Einsprühen bestand das Problem aber wieder. Ich konnte zwar neben ihm sprühen, sobald die Tropfen aber das Fell meines Pferdes berührten, war Panik da.

Dieses Video habe ich nach längerer Pause gemacht:

Es ist nur eine sehr kurze Frequenz und aufgrund des vorangegangenen Trainings, ist die Reaktion meines Pferdes verhältnismäßig entspannt.

Das Training allein war also nur bedingt erfolgreich und keineswegs nachhaltig. (Was keine Kritik an Matas Arbeit war, sie hat uns unglaublich geholfen und ich kann sie dir sehr empfehlen. Du wirst aber im weiteren Verlauf des Textes erfahren, warum das Training allein bei uns nicht gereicht hat.)

Einsprühen setzt diffuse Reize

Im Rahmen meiner Ausbildung als Pferdeergotherapeutin habe ich mich dann mit einem ganz anderen Aspekt im Zusammenhang mit dem Einsprühen beschäftigt, der mir vorher nie in den Sinn kam: das Gefühl, wenn die Tropfen auf den Pferdekörper auftreffen.

Hierbei handelt es sich um einen diffusen Reiz, der von den Sinnesorganen des taktilen Systems, also der Oberflächensensibilität/dem Tastsinn, wahrgenommmen wird (hier erzähle ich dir mehr über die Aufgabe und die Bedeutung des taktilen Systems deines Pferdes). Diffuse Reize sind neben den Wassertropfen, die auf den Körper auftreffen, beispielsweise auch Vibration.

Einsprühprobleme können ein Problem mit der Reizverarbeitung sein

Vielleicht kennst du es auch von dir, dass dir manche Materialien von der Haptik her unangehmen sind. Ich zum Beispiel HASSE Nagelpfeilen. Hier geht es mir vermutlich wie meinem Pferd: Ich kann das Gefühl nicht ertragen und bekomme schon beim Gedanken daran eine Gänsehaut. Oder Spargel. Dieses faserige Gefühl im Mund – bäh. Ich liebe den Geschmack aber ich kann Spargel nicht essen, weil ich seine Konsistenz nicht ertrage.

Wenn ein Pferd so stark auf diffuse Reize reagiert, scheint die Reizverarbeitung nicht adäquat zu funktionieren, es liegt also eine Störung der Sinnesverarbeitung vor. Mein Pferd scheint eine gesteigerte taktile Wahrnehmung zu haben und Überempfindlich zu sein. Es kann die empfangenen Reize nicht korrekt verarbeiten und reagiert mit Abwehr.

Meine (erfolgreiche) Lösung für das Einsprühproblem: Pferdeergotherapie plus Training

Somit hatte ich mit meinem eigenen Pferd das perfekte Übungspferd in Sachen taktiler Wahrnehmungsstörung.

Im weiteren Verlauf bin ich zweigleisig gefahren und habe mein Pferd TRAINIERT und THERAPIERT.

Durch das Training habe ich dem Zisch-Geräusch immer mehr von seinem Schrecken genommen. Ich habe dazu immer gesprüht, wenn mein Pferd gefressen hat. Anfangs war ich weiter weg, mit der Zeit bin ich immer näher rangegangen. Irgendwann, war das Geräusch akzeptiert.

Im Rahmen der Ergotherapie für Pferde habe ich mein Pferd mit verschiedenen taktilen Reizen konfrontiert und mit Reizüberlagerung gearbeitet. So konnte ich nach und nach das Einsprühen mit hinzunehmen. Aber ich habe nicht nur das taktile System gefördert, sondern alle Basissinne, also auch das propriozeptive System (Eigenwahrnehmung) und das vestibuläre System (Gleichgewichtssinn), weil dies die Reizverarbeitung erleichtert.

Hier siehst du uns nach zwei PFERGO-Einheiten (mit Hausaufgaben):

Bitte entschuldige die schlechte Qualität der Aufnahme, ich hoffe, sie kann dir dennoch einen guten Eindruck vermitteln! Nach nur 2 Pfergoeinheiten klappte das Einsprühen in Kombination mit Futter bereits sehr gut – du siehst, dass das Pferd dabei frei steht.

Und jetzt?

Jetzt kann ich mein Pferd einsprühen, während es mehr oder weniger entspannt steht – angebunden und frei. Ohne dass ich mehrmals die Woche üben muss.

So sieht es heute aus – zwischen den beiden Videos liegt etwa ein halbes Jahr, in dem ich nur sehr wenig Sprühtraining, dafür aber viel für die Körperwahrnehmung generell getan habe

Zehn Jahre hat es gedauert. Und ich denke du kannst dir vorstellen, wie unglaublich stolz ich bin, dass wir es endlich, endlich geschafft haben. Der nächste Schritt wird sein, dass wir mit der Schermaschine üben.  

Übrigens: Ich werde mein Pferd auch in Zukunft nicht mit Fliegenspray einsprühen. Und zwar aus zwei Gründen:

  1. In vielen Fliegensprays ist sehr viel Chemie enthalten. Diese gelangt über die Haut auch in den Körper. Da es meines Wissens nach noch keine Langzeitstudien dazu gibt, was die Chemie im Körper des Pferdes anrichtet und welchen Einfluss es zum Beispiel auf den Stoffwechsel hat, möchte ich auch weiterhin chemiefrei bleiben.
  2. Pferde können wahnsinnig gut riechen, sehr viel besser als wir. Wenn ein Spray (egal ob total natürlich oder Chemie pur) für uns schon unangenehm riecht, wie viel unangenehmer muss es denn dann erst für uns Pferd sein? Ich selbst bekomme Kopfschmerzen, wenn ich zu lange in einer Parfümerie und von stark parfümierten Menschen umgeben bin. Deswegen meide ich überflüssige Durfstoffe. Wissen wir, wie es unseren Pferden geht, wenn sie diesen ätzenden Geruch permanent in der Nase haben? Und nicht nur das: Ich habe im letzten Jahr erlebt, wie schwer eine Herdenzusammenführung sein kann, wenn der Eigengeruch des Pferdes dauerhaft furch ein wirklich stark riechendes Fliegenspray überdeckt wird (Rinderfluid). Es gab erst Entspannung, als das Pferd nicht mehr eingesprüht wurde…

Trotzdem sollte man ein Pferd einsprühen können, ohne dass es in Panik gerät. Schließlich muss man vielleicht mal eine Wunde desinfizieren. Oder man muss beim Ausritt an einem Wassersprenger vorbei, der auch auf den Weg regnet.

Wenn auch du ein Pferd hast, das sich nicht einsprühen lässt, helfe ich dir gern. Weitere Informationen zu meinem Angebot Ergotherapie für Pferde findest du hier. Solltest du von weiter weg kommen, wäre auch eine Videoanalyse denkbar.

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