Unabhängiger Reitersitz

Reitersitz verbessern: Wie die Kugel dabei helfen kann

Den Reitersitz verbessern möchten mit Sicherheit die meisten Reiter. Schließlich hat der Sitz des Reiters eine enorme Auswirkung auf das Pferd. Ist dein Sitz eher fest und angespannt, dann wird auch dein Pferd nicht locker und losgelassen laufen können.  Ich habe neulich die Kugel kennengelernt, die mir von nun an hilft, meinen Sitz zu verbessern. Was es mit der Kugel auf sich hat und warum sie mir hilft, meinen Reitersitz zu stabilisieren, das verrate ich dir in diesem Beitrag.

Bevor ich dir verrate, warum mir die Kugel hilft, meinen Reitersitz zu verbessern, sollten wir klären, wie der ideale Reitersitz aussieht. Denn nur wenn wir eine gemeinsame Basis haben, über die wir reden, verstehst du, was ich meine.

Der ideale Reitersitz – wie sieht er eigentlich aus?

Ich halte mich hierbei an die FN, die den Dressursitz als Basis aller Sitzformen auserkoren hat.

Hierbei

  • sitzt der Reiter aufrecht im Sattel
  • bilden Reiterschulter, Hüftgelenk und Absatz eine lotrechte Linie, wenn das Pferd steht
  • wird das Gewicht gleichmäßig auf beide Gesäßknochen verteilt
  • hängen die Beine locker aus den Hüftgelenken nach unten
  • liegt das Knie locker am Sattel an und klammert nicht
  • bilden Unterarm und Zügel eine gerade Linie, die vom Ellenbogen bis zum Pferdemaul reicht

Klingt alles ganz einfach. Ist es aber nicht.

Vom perfekten Reitersitz und dem Streben nach Idealen

Zunächst einmal ist dieser Reitersitz ein Idealbild. Und wie das mit Idealen eben so ist: Versucht man sie auf Zwang zu erreichen, verkrampft man sich.

Jeder Reiter hat einen anderen Körper und was dem einen mühelos gelingt, gelingt dem anderen gar nicht.

Dabei geht es gar nicht darum, dass einer besser ist als der andere. Es geht vielmehr darum, dass der eine Körper Dinge kann, die der andere aufgrund seiner Anatomie nicht kann.

Möchte man sich beispielsweise aufrecht hinsetzen, spannt man sich leicht zu sehr an. Gleiches passiert, wenn man sehr darauf bedacht ist, Schulter, Hüfte und Absatz immer in einer lotrechten Linie zu haben. Manch ein Reiter ist so sehr um diese Linie bemüht, dass er sich gar nicht mehr traut sich zu bewegen. Er wird starr und fest und stört sein Pferd somit viel mehr, als wenn nicht alles in einer Linie wäre.

Auch mein Sitz entsprecht nicht dem Ideal. Mir zum Beispiel fällt es schwer, mein Gewicht gleichmäßig auf beide Gesäßknochen zu verteilen. Und ich weiß, dass es auch vielen anderen Reitern so geht. Einer hält sich mit seinen Knien fest und sitzt im Spaltsitz, ein anderer knickt mit der Hüfte ein und belastet sein Gesäß ungleichmäßig….

Außerdem habe ich immer wieder Probleme damit, tief im Sattel einzusitzen. Ich gehöre nämlich zu den Reitern, die schnell mit dem Oberkörper nach vorne kippen und in den Spaltsitz geraten. Das geht damit einher, dass ich das Gewicht nicht gleichmäßig auf meinen Gesäßknochen verteile.

Feste Knie mit Pfeilen
Hier sieht man sehr schön was passiert, wenn sich der Reiter mit seinen Knien festhält und nicht tief und im Schwerpunkt im Sattel sitzt.

Mit Centered Riding den Reitersitz verbessern

Wie du vielleicht weißt, bin ich ein großer Fan vom Centered Riding. Ich habe diese Form des Reitens bei verschiedenen Trainern kennengelernt, die Elemente daraus in ihren Unterricht eingebunden hatten. Neulich hatte ich die Chance, ein paar Reitstunden bei einer Centered Riding Instructorin zu nehmen. Und obwohl wir gar nicht so viel gemacht haben, haben sich mein Reitersitz und die Wahrnehmung meines Sitzes durch diese Trainingseinheiten  verbessert.

Beim Centered Riding geht es – ganz einfach gesagt – darum, aus der Körpermitte heraus zu reiten und die Hilfen aus der Körpermitte heraus zu geben. (Wenn du mehr über das Thema erfahren möchtest, dann empfehle ich dir 1. die Bücher „Reiten aus der Körpermitte“ von Sally Swift, die ich in einer Rezension vorgestellt habe, und 2. einen Centered Riding Trainer zu suchen – eine Auswahl findest du hier).

Sally Swift schreibt in ihrem Buch Reiten aus der Körpermitte, Band 1: Pferd und Reiter im Gleichgewicht*:

„Um Ihre Mitte zu finden, brauchen Sie nur mit Ihrem Finger auf den Bauch zu zeigen, an eine Stelle zwischen Nabel und Schambein, auf der Vorderseite des Beckens. Tief innen, hinter diesem Punkt, vorne an der Wirbelsäule, liegt Ihr Zentrum der Balance, Zentrum der Energie, Zentrum der Kontrolle. […] Hier unten, tief drinnen und nah an der unteren Wirbelsäule, befindet sich auch das größte Bündel von muskelkontrollierenden Nerven in Ihrem Körper. Bei diesem großen Nervenzentrum und den schweren, kontrollierenden Muskeln ist Ihre Körpermitte.“

Die Körpermitte, die Kugel, das Nest und der Reitersitz

Um mir meiner Körpermitte bewusster zu werden, sollte ich verschiedene Übungen machen – ohne Pferd und auf dem Boden.

Unter anderem sollte ich mir vorstellen, ich hätte in meiner Körpermitte eine schwere Kugel, die ich hin und her rollen kann. Möchte ich die Kugel nach vorne rollen, dann kippe ich mein Becken etwas nach vorne. Kippe ich das Becken nach hinten, rollt auch die Kugel nach hinten.

Nachdem die Kugel ein paar Runden in meinem Becken gedreht hat, sollte ich sie ins Nest packen. Das Nest befindet sich in etwa dort, wo meine Wirbelsäule endet. Du kannst dir auch vorstellen, das Nest ist ein Loch und du lochst einen Golfball ein.

Zugegeben: Das hört sich seltsam an. Ich weiß. Und anfangs fand ich es auch wirklich seltsam. Da stand ich mit beiden Beinen auf dem Boden, bewegte mein Becken und lochte eine imaginäre Kugel ein.

Als ich aber anschließend auf meinem Pferd saß und erneut die Kugel ins Nest legen sollte, war ich überrascht über die Wirkung dieser seltsamen Übung: Ich saß plötzlich viel tiefer im Pferd, ich war viel mehr im Schwerpunkt und viel stabiler – und zwar ohne mich irgendwo festzuhalten.

Ich war einfach zentriert.

Und nicht nur das: Ich fühlte mich nicht nur zentriert und tiefer mit dem Pferd verbunden, sondern ich hatte auch das Gefühl, als sei ich plötzlich viel entspannter, als fiele eine Last von mir.

Dazu schreibt Sally Swift in ihrem Buch:

„Die meisten von uns sind versucht, kopf- oder vorderlastig zu sein. Wir kümmern uns auch zu sehr um die Einzelheiten, überorganisieren vieles und atmen meistens mit der Brust. All diese Charakteristika vergrößern unsere Verspannungen, verringern unsere Beweglichkeit, verlagern unser Zentrum der Schwerkraft nach oben, machen uns kopflastig und verschlechtern unsere Koordination.“

In dem Moment, als ich die Kugel ins Nest gelegt hatte, verlagerte sich also mein Zentrum nach unten und nahm damit jede Menge Druck von mir, den ich bewusst und vor allem aber auch unbewusst mit mir herumgetragen habe.

Und was bedeutet das nun für meinen Sitz?

Die Kugel macht meinen Sitz natürlich nicht perfekt. Aber sie hilft mir dabei, ihn zu verbessern.

Befindet sich meine Kugel im Nest, dann sitze ich zentriert im Schwerpunkt. Meine Beine hängen locker aus den Hüftgelenken nach unten und ich habe nicht das Bedürfnis mich mit Knie oder Bein festzuhalten. Mein Reitersitz fühlt sich einfach stabil an.

Wenn ich meine Kugel ins Nest legen will, dann muss ich aufrecht sitzen. Das führt automatisch dazu, dass Schulter, Hüfte und Absatz eine lotrechte Linie bilden und ich mein Gewicht gleichmäßig auf meine beiden Gesäßhälften verteile.

Jede Mal, wenn ich jetzt aufs Pferd steige, sortiere ich mich und lege die Kugel ins Nest. Dann erst geht’s los. Und auch während des Reitens überprüfe ich immer wieder, ob meine Kugel im Nest liegt, oder ob sie womöglich rausgerutscht ist, weil ich mein Becken gekippt habe oder weil ich vielleicht doch wieder etwas mit mir herumtrage, dass ich nicht draußen vor dem Hoftor lassen konnte.

Deswegen ist mein Tipp an dich: Probiere es einfach mal aus.

Übrigens: Auch Blogleserin Melli kennt die imaginäre Kugel. In meinem Beitrag Mit dem Becken locker mitschwingen hat sie in einem Kommentar geschrieben, dass man das Tempo des Pferdes beeinflussen kann, indem man die Kugel mal langsamer und mal schneller durch die Acht im Becken rollen lässt.

Hast auch du die Kugel schon kennengelernt? Oder hast du vielleicht noch ganz andere tolle Tipps zum Verbessern des Reitersitzes? Dann immer her mit deinen Erfahrungen! 🙂

Liebe Grüße und bis bald

Karo von Pferdefreunde

 

Zum Weiterlesen:

Das Praxisbuch – Reiten als Dialog: Situationsanlysen & Lösungswege für Reitprobleme* ist unbedingt zu empfehlen.

Weitere Tipps für den Reitersitz findest du außerdem bei Herzenspferd. Petra erklärt auf Pferdeflüsterei, wie du Mit Centered Riding spielend den Reitersitz verbessern kannst. Und auch bei Frau Rossi blogt kannst du etwas über Centered Riding lesen.

  1. Echt informativ ,ich muss das echt mal ausprobieren 😃 :).

  2. Pingback: Reitersitz: 12 Tipps für einen zügelunabhängigen Sitz!

  3. Pingback: Reiten Sitzschulung: Spielend den Reitersitz verbessern

  4. Pingback: Dein Sitz verrät mehr über dich als tausend Worte!

  5. Hallo,

    Ich finde den Artikel wirklich toll und musste beim lesen schon schmunzeln, weil ich genau weiß was du mit „seltsam“ meinst.
    Ich selbst reite jetzt seid 6 Jahren bei einer centered riding instructorin, wobei ich am Unterricht auch auf ihren Hottas teilnehme.

    Ich bin begeistert von den ganzen Bildern die sie mir gibt und schon sitzt man anders, das Pferd läuft locker vorwärts-abwärts und alles ist viel weniger verkrampft.

    Erst vor zwei Wochen war ich bei einem ihrer Lehrgänge dabei und es ist wirklich zum lachen wenn man 8 Erwachsene Frauen im Kreis auf dem Putzplatz stehen sieht und alle kreisen und kippen ihr Becken, lochen imaginäre Kugeln ein, atmen „bunte“ Luft bis in die Füße und schütteln ihre Arme auf die gleiche Länge 😀

    Aber ich kann es jedem nur wärmsten empfehlen sich mal auf diese Reitweise einzulassen und vllt mal einen Schnupperkurs zu besuchen.
    Und nein, es ist ganz und gar nicht nur für Freizeitreiter, auch Turnierreiter und generell Reiter aller möglichen Reitweise können hier was für sich mitnehmen 🙂

    Liebe Grüße
    Jasmin

  6. Pingback: Reiten Sitzschulung: Spielend den Reitersitz verbessern

  7. Ich versuche es mir gerade auch zu verbildlichen. Aber erst schreibst du „ich kippe das Becken nach vorn und nach hinten“, ich hab da eine vor und zurück Bewegung im Kopf. Ein paar Sätze später hattest du dann aber Kreisbewegungen daraus gemacht. Und viel später schreibst du dann, es wären achterbewegungen. Ich weiß gerade gar nicht mehr was ichbmir vorstellen soll..

    • Liebe Sara,
      oh je, verwirrend wollte ich dich nicht mit meinem Beitrag, ich möchte meinen Lesern mit meinen Texten doch eigentlich ein bisschen helfen.
      Ich versuche es nochmal zu erklären.
      Also: Angefangen habe ich mit Trockenübungen am Boden, um mich mit meinem Becken und der imaginären Kugel vertraut zu machen. Dabei habe ich immer wieder getestet, wie sich die Kugel verhält, wenn ich mein Becken bewege. Kippe ich es nach vorne, rollt die Kugel nach vorne, kippe ich es nach hinten, rollt sie nach hinten. Ziel war es, die Kugel unterhalb der Wirbelsäule, in meinem „Zentrum der Schwerkraft“ einzulochen. Wenn du dein Becken ein paar Mal kippst, merkst du, wo sich diese Stelle befindet.
      Auf dem Pferd wird es genau so gemacht. Du setzt dich in den Sattel und schaust, dass du durch ein nach vorne und nach hinten kippen deines Beckens genau die Stelle findest, wo die Kugel hingehört. Dort „lochst“ du sie ein. Du wirst merken, dass du viel zentrierter und mehr im Schwerpunkt sitzt. Wichtig hierbei ist, dass du aufgerichtet sitzt und dein Rücken gerade ist. Andernfalls wirst du die Kugel nicht richtig einlochen können.
      Ist die Kugel drin, darfst du aber nicht steif sitzen bleiben. Im Gegenteil. Du musst mit dem Becken den Bewegungen deines Pferdes folgen und immer wieder nachspüren, ob die Kugel noch an der richtigen Stelle ist und du im Schwerpunkt sitzt oder ob du vielleicht nach vorne, zur Seite oder nach hinten gekippt bist und dich wieder neu ausbalancieren musst.
      Ich weiß leider nicht, wo du die Kreisbewegungen findest. Meinst du den Satz „nachdem die Kugel ein paar Runden in meinem Becken gedreht hat“? Hier meine ich nicht, dass ich das Becken habe kreisen lassen, sondern dass ich die Kugel in meinem Becken bewegt habe. Allerdings (das ist jetzt ein Zusatz für dich und steht nicht im Text) könntest du sie natürlich auch kreisen lassen, wenn du die Stelle zum Einlochen nicht findest. Bist du zum Beispiel im Becken total schief und eine Seite steht höher als die andere, dann kannst du deine Mitte nur finden, wenn du die beiden Seiten des Beckens in eine Linie bringst und hierbei kann es dir sicherlich helfen, Kreisbewegungen zu machen und die Kugel nach vorne, zur Seite und nach hinten rollen zu lassen.
      Wenn du weißt, wie du dich zentrierst, damit du im Gleichgewicht bist, kannst du die Kugel (also dein Becken) bewusst einsetzen und mit ihr arbeiten. Das ist die Sache mit der Acht, die mir eine Leserin empfohlen hat. Sie nutzt die Kugel ganz bewusst, indem sie eine Acht in ihrem Becken rollen lässt und durch das Tempo, mit dem sie die Kugel rollt, das Tempo ihres Pferdes bestimmt. Dein Becken macht automatisch eine Acht, wenn du locker bist und die Bewegungen deines Pferdes zulässt. Die Kugel soll dich ja nicht davon abhalten, locker zu sitzen und die Bewegungen deines Pferdes zuzulassen. Sie hilft dir dabei, im Gleichgewicht auf dem Pferd zu sitzen und dein Becken besser einzusetzen. Dazu kannst du hier mehr lesen: https://360gradpferd.de/becken-mitschwingen/ Ich mache es übrigens ganz ähnlich. Ich stelle mir nicht vor, dass ich die Kugel in unterschiedlichem Tempo wie eine Acht durch mein Becken rollen lasse. Ich stelle mir verschieden große Achten vor, die mein Becken macht. Eine große Acht führt zu längeren Schritten, eine kleine Acht lässt mein Pferd langsamer werden und hilft beim Versammeln.
      Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen mit meiner Antwort? Falls nicht, dann frag einfach weiter. 🙂
      Viele Grüße
      Karo

  8. Pingback: Der Sitz - Das Becken als Bewegungszentrum - IndigoPferd

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