Schulterherein: Wie du es richtig reitest und warum es so wichtig ist

Schulterherein richtig reiten

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Das Schulterherein gilt als Wunderwaffe und meiner Meinung nach sollte es jeder mit seinem Pferd regelmäßig reiten. Aber warum ist das Schulterherein eigentlich so wichtig? Was passiert beim Schulterherein und vor allem: Wie wird es richtig geritten?

Um das Schulterherein korrekt reiten zu können, müssen wir verstehen, wie das Schulterherein funktioniert und was es bewirkt. Deswegen gibt es zunächst ein paar grundsätzliche Gedanken, die uns das Schulterherein etwas näher bringen sollen.

Schulterherein: versammelnd seitwärts

Das Schulterherein zählt zu den Seitengängen und ist somit eine Vorwärts-Seitwärts-Bewegung, bei der das Pferd gleichmäßig gebogen ist. Was Stellung und Biegung bedeutet und wo der Unterschied ist, kannst du hier nachlesen.

Das Schulterherein ist eine versammelnde Übung. Versammlung bedeutet, dass die Hinterbeine mehr Last aufnehmen. Dazu muss das Pferd die Hanken beugen und die Kruppe absenken. Dabei wird die Vorhand entlastet (rote Pfeile). Wenn die Hinterbeine in dieser Position vortreten, werden der Rücken aufgewölbt und der Widerrist angehoben (blauer Pfeil). Außerdem wird die Rückenlinie gedehnt, während die Bauchlinie kürzer erscheint (gelbe Pfeile).

www.pferdefreunde.ch
Die Grafik wurde mir von www.pferdewissen.ch zur Verfügung gestellt.

Das Schulterherein ist übrigens die einzige versammelnde Übung, bei der unser Pferd gegen die Laufrichtung gebogen ist.

Durch die Kombination von Versammlung und Biegung gymnastiziert es und wirkt lösend:

  • Durch die Hankenbeugung, das Absenken der inneren Hüfte und der vermehrten Lastaufnahme des inneren Hinterbeins wird die äußere Schulter frei.
  • Das Pferd dehnt sich an den äußeren Zügel, wobei es sich biegt und gleichzeitig den äußeren Rückenmuskel dehnt.
  • Die Hinterhand nimmt mehr Last auf und wird so gestärkt. Das sorgt u.a. für Schub und Tragkraft.
  • Die Beweglichkeit der Schulter wird gefördert.
  • Das Genick wird locker.
  • Die Durchlässigkeit wird gefördert, weil das Pferd sensibler auf die seitlichtreibenden und die verwahrenden Hilfen reagieren muss.

Du siehst: Nicht ohne Grund wird das Schulterherein immer wieder empfohlen. Und obwohl es schon fast wie eine Modeerscheinung anmutet, hat es doch eine fast 300-jährige Geschichte vorzuweisen. Bereits 1733 setzte sich der französische Reitmeister François Robichon de la Guérinière in seinem Buch Ecole de Cavalerie mit dem Schulterherein auseinander:

Das Schultereinwärts bereitet das Pferd vor, sich auf die Hanken zu setzen, denn bei jedem Schritt, den es in dieser Stellung tut, bringt es den inneren Hinterschenkel unter den Leib, und setzt ihn über den äußeren, welches es, ohne die Hanken zu setzen, nicht verrichten kann.

François Robichon de la Guérinière, Ecole de Cavalerie

Und was sich seit 300 Jahren bewährt, kann so falsch nicht sein, oder?

Jetzt, wo du weißt welche Wirkung das Schulterherein hat und warum du es reiten solltest, ist es höchste Zeit, einen Blick auf den Bewegungsablauf zu werfen. Denn nur wenn du verstehst WIE etwas funktioniert, kannst du es korrekt umsetzen.

Der Bewegungsablauf des Pferdes beim Schulterherein

Beim Schulterherein läuft die Hinterhand geradeaus auf dem Hufschlag. Die Vorhand wird in die Bahn gestellt, sodass sich das Pferd nicht mehr nur auf zwei, sondern auf drei oder vier Hufschlägen bewegt. Um das zu erreichen, muss sich das Pferd biegen.

Reitest du das Schulterherein auf drei Hufschlägen, ist die Vorhand deines Pferdes soweit nach innen gestellt, dass der innere Hinterhuf in der Spur des äußeren Vorderhufs läuft und somit unter den Schwerpunkt tritt. Von vorne betrachtet sehen wir drei Hufe.

Pferd im Schulterherein
Hier siehst du mich und mein Pferd im Schulterherein. Von hinten siehst du, dass sich das äußere Vorderbein und das innere Hinterbein eine Spur teilen

Reitest du das Schulterherein auf vier Hufschlägen, kreuzen die Hinterbeine leicht, weil es für unsere Pferde nicht möglich ist, sich so zu biegen und mit der Hinterhand weiter geradeaus zu laufen. Wir sehen von vorne alle vier Hufe.

Die Frage, ob ein Schulterherein mit kreuzenden Beinen noch immer ein korrektes Schulterherein ist oder ob es sich dabei nicht vielmehr um ein Schenkelweichen handelt, wird immer wieder diskutiert. Insbesondere in der barocken Reitkunst wird das Schulterherein auf vier Hufschlägen und mit stärkerer Abstellung geritten und entsprechend befürwortet.

Ich persönliche sehe keine Grund, warum ein Schulterherein auf vier Hufschlägen falsch sein sollte. Man kann seinem Pferd das Schulterherein am Anfang erleichtern, indem man es zunächst mit weniger Biegung und dafür mit mehr Abstellung (4 Hufschläge) reitet und erst nach und nach dazu übergeht, mehr Biegung zu fordern und auf 3 Hufschlägen zu reiten.

Jetzt kennst du den Bewegungsablauf und weißt, dass das Schulterherein ein Seitengang und gleichzeitig eine versammelnde Übung ist. Damit hast du das wichtigste Indiz um herauszufinden, ob dein Schulterherein korrekt ist oder nicht: Du spürst, dass dein Pferd den Rücken aufwölbt, vorne leichter wird und sich mit der Hinterhand trägt.

Schulterherein richtig reiten
Schulterherein richtig reiten

Nun stellt sich die wohl wichtigste Frage:

Wie reite ich ein korrektes Schulterherein?

Eine Übung, die mir hilft, ist der Gedanke, dass man eine Volte reitet. Die Hilfen, die ich zum Abwenden auf die Volte gebe, sind nämlich ganz ähnlich wie beim Schulterherein. Ich bereite mein Pferd also auf eine Volte vor, biege dann aber nicht in die Volte ab, sondern sage ihm den entsprechenden Hilfen, dass ich weiter geradeaus reiten möchte.

Die Hilfengebung beim Schulterherein

Schenkelhilfe

Der äußere Schenkel ist der verwahrende Schenkel. Seine Aufgabe besteht darin, den Körper zu begrenzen und zu verhindern, dass das äußere Hinterbein nach außen ausbricht. Der innere Schenkel ist für die Biegung zuständig.

Zügelhilfe

Eine ähnlich begrenzende Aufgabe wie der äußere Schenkel hat auch der äußere Zügel: Er muss die Schulter begrenzen während er gleichzeitig eine Stellung des Kopfes nach innen ermöglicht. Wird der äußere Zügel angelegt, kann er dabei helfen, die Vorhand ein wenig auszubremsen. Der innere Zügel ist für die Stellung zuständig.

Gewichtshilfe

Zur Gewichtshilfe gibt es unterschiedliche Meinungen. Laut FN soll der Reiter das Gewicht nach innen verlagern. Auch ich reite so. Ich verlagere mein Gewicht aber nicht bewusst nach innen, sondern werde von meinem Pferd automatisch nach innen gesetzt, wenn es sich korrekt biegt.

Philippe Karl, Gründer der Schule der Légèreté, ist der Meinung, dass das Gewicht in Bewegungsrichtung verlagert werden soll. Das wäre beim Schulterherein außen. Philippe Karl erklärt es in seinem Buch Irrwege der modernen Dressur mit folgendem Bild: Man müsse sich vorstellen, man hätte jemanden auf seinen Schultern sitzen. Lehnt sich derjenige mit seinem Gewicht nach rechts, dann wird man selbst automatisch einen Schritt nach rechts machen, um die Balance wieder herzustellen. Lehnt sich derjenige auf den Schultern nach rechts und fordert einen gleichzeitig auf nach links zu gehen, so gerät man erstens aus dem Gleichgewicht und muss zweitens viel mehr Kraft aufwenden, um einen Schritt nach links machen zu können. Unseren Pferden geht es da nicht anders.

Aber ob Gewicht nach innen oder außen, eins ist wichtig: Bei der Gewichtsverlagerung geht es, wie bei allen anderen Hilfen auch, um feine Nuancen. Grundsätzlich sollten wir Reiter so zentriert wie möglich bleiben, damit wir unser Pferd so wenig wie nötig in seinem Bewegungsfluss stören.

3 beliebte Fehler beim Schulterherein

Obwohl das Schulterherein nach einer leichten Übung klingt, ist es doch ziemlich schwer. Deswegen gehe ich hier auf drei beliebte Fehler ein, die beim Schulterherein häufig gemacht werden.

Fehler Nr. 1: Mit dem Zügel nach innen ziehen

Ein häufiger Fehler ist, dass wir mit dem inneren Zügel das Pferd nach innen ziehen. Das passiert vor allem dann, wenn wir zu sehr auf den Kopf-Hals-Bereich fixiert sind. Während der Hals vermeintlich gebogen ist, bleibt der Rumpf gerade. Denn in Wirklichkeit knickt der Hals einfach nur vorn ab. Unser Pferd wird verleitet, über die äußere Schulter auszubrechen. Der wunderbare Effekt des Schulterhereins geht so verloren.

Mögliche Lösung: äußere Schulter nach innen schieben

Ein Trick diesen Fehler zu vermeiden ist folgender: Stell dir vor, dass die Schulter deines Pferdes nicht mit dem inneren Zügel nach innen gebracht wird, sondern mit dem äußeren Zügel. Du verschiebst sozusagen die äußere Schulter nach innen.

Positiver Effekt dabei: Wenn du beim Verschieben deine Arme richtig hältst, musst du automatisch deine Schultern/deinen Oberkörper ein Stück nach innen drehen. Und wie du sicherlich weißt gilt: Pferdeschulter – Reiterschulter, Pferdepo – Reiterpo.

Solltest du damit Schwierigkeiten haben, könntest du versuchen unterstützend die äußere Zügelfaust als Begrenzung an den Widerrist legen.

Fehler Nr. 2: Hinterhand nach außen schieben durch starkes Treiben

Ein weiterer beliebter Fehler ist ein zu starkes Treiben mit dem inneren Schenkel, damit die Hinterhand nach außen geht. Das ist falsch. Wird die Hinterhand nach außen gedrückt, beginnt sie zu kreuzen. Das ist für die Pferde angenehm, weil sie so der Biegung ausweichen können und drum herum kommen, die Hanken zu beugen und mehr Gewicht mit der Hinterhand aufzunehmen. Doch genau darum geht es ja beim Schulterherein.

Mögliche Lösung: das richtige Bild im Kopf haben

Dieser Fehler sollte dir ab sofort nicht mehr passieren. Du weißt ja nun, dass die Hinterhand auf der Spur bleibt und die Vorhand nach innen versetzt wird. Dein innerer Schenkel ist sozusagen der Biegungsschenkel, um den sich dein Pferd biegen soll.

Hier hilft es außerdem, wenn du daran denkst, wo die korrekten Schenkelhilfen gegeben werden: Der treibende/biegende Schenkel (beim Schulterherein ist das der innere Schenkel) liegt immer am Sattelgurt. Der verwahrende Schenkel hingegen wird eine Handbreit hinter den Gurt gelegt.

Fehler Nr. 3: Das Pferd biegt sich nicht

Sitzen wir Reiter ziemlich fest und steif auf unserem Pferd – weil wir uns beispielsweise auf das korrekte Schulterherein konzentrieren (und ich spreche hier aus sehr guter eigener Erfahrung) – oder ist unser Pferd auf einer Hand recht fest aufgrund der natürlichen Schiefe, biegt es sich beim Schulterherein nicht optimal. Es beginnt zum Beispiel mit der Hinterhand zu kreuzen.

Mögliche Lösung: Schultervor, bessere Begrenzung durch den Sitz

Ein möglicher Lösungsansatz kann sein, dass du noch kein Schulterherein fordest, sondern nur ein Schultervor. Dies kann helfen, wenn dein Pferd seine hohle Seite, auf der die Muskulatur strukturell verkürzt ist, nicht so gut dehnen kann.

Wenn die Übung theoretisch gut beherrscht, kann es auch sein, dass du die Hinterhand nicht gut gerade hältst und mit deinem Sitz und/oder deinen Schenkeln andere Impulse gibst.

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Und jetzt: üben, üben, üben

Um ein wirklich gutes Schulterherein reiten zu können, gilt eins: üben, üben, üben. Und wer meint, er lässt es lieber sein, weil er es nicht richtig kann, dem sei gesagt: Schon der lange Übungsweg hin zum korrekten Schulterherein wirkt sich positiv auf unsere Pferde aus. Und man muss ja nicht nur reiten: Auch vom Boden lässt sich das Schulterherein wunderbar trainieren. Tipps dazu findest du bei Herzenspferd.

Ganz wichtig ist, dass wir unsere Pferde dabei nicht überfordern und ihnen immer wieder ausreichend Pausen geben. Das Schulterherein ist eine anstrengende Übung und wenn wir zu früh zu viel erwarten, dann kann es leicht passieren, dass sich die Muskeln aufgrund der ungewohnten Anstrengung verkrampfen.

Übrigens: Nach dem Schulterherein kommt das Kruppeherein/Travers. Hier erkläre ich, welche Vorteile dieser Seitengang mit sich bringt und wie du Travers korrekt reitest.

Wenn du mit deinem Pferd das Schulterherein vom Boden erarbeiten möchtest, empfehle ich dir meinen Onlinekurs Grundlagen der Bodenarbeit.

Onlinekurs Grundlagen der Bodenarbeit
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Weitere Onlinekurstipps Seitengänge

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