Anja Rut Hebel beim Intrinzentraining mit ihrem Pferd

Intrinzen-Training mit Pferden

Mit mehr als 34.000 Followern gehört der Account von Kathy Sierra (@intrinzen) zu einem der größten Islandpferde-Accounts auf Instagram. Und täglich kommen mehr Follower hinzu, denn die emotional aufgeladenen Bilder der ausdrucksstarken Pferde, die harmonisch um sie herumtanzen und beeindruckende Bewegungen zeigen, begeistern.

Das Wort Intrinzen setzt sich zusammen aus intrinsic und zen. Die intrinsische Motivation ist eine Motivation von innen heraus, Zen steht für die innere Stärke. Im Zentrum des Intrinzen-Trainings stehen zwei Aspekte, die miteinander in Einklang gebracht werden: Bewegungs- und Motivationslehre.

Intrinzen hat seinen Ursprung in den USA, wo Kathy mit ihren Islandpferden zu Hause ist. Kathy und Steinar Sigurbjornsson, ihr Mentor und Mitbegründer von Intrinzen, stellten fest, dass viele der aus Island importieren Pferde fernab der Heimat ihr Bewegungspotential und ihre Freude an der Bewegung verloren. „Das war immer sehr irritierend für alle, einschließlich der professionellen isländischen Trainer“, erzählt Kathy. „Steinar sagte mir immer wieder, was für Pferde von Bedeutung sei. Aber das konnten wir ihnen hier in den USA nicht bieten. Deswegen begann ich nach Möglichkeiten zu suchen, wie ich ‚Island zu den Pferden bringen‘ kann – und das, obwohl wir in einem sehr kleinen Stall in Kalifornien waren! Wir haben versucht herauszufinden, was für Pferde von Bedeutung ist und was sie in Island bekommen, in anderer Umgebung aber nicht. Wir glauben, dass wir viele dieser Antworten gefunden haben – genug, um das zu produzieren, was sich wie wundersame Ergebnisse für die Pferde anfühlt. Es ist KEIN ‚magisches‘ Training, sondern der strategische Einsatz von Natur, von der wir glauben, dass sie immer der BESTE Trainer ist. Wir versuchen, uns die Natur zu unserem Verbündeten zu machen.“

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The body is amazing. It is a problem-solving genius , where movement is the solution. Father of biomechanics Nikolai Bernstein said a movement is correct when the unique solution fits the problem like a key in a lock. A different path each time. Different firing sequence. Different self-organization. Yet the problem was solved, every time. He of course gave us the concept of “repetition without repetition” and healthy movement variability. But with horses, we have so often completely disconnected their *movement* from a movement *purpose.* Even in human studies, we now recognize that giving the movement system a clear *movement purpose* leads to superior performance in every way we could care about. . We believe the lessons of Bernstein and those that followed are clear: movement needs a reason. And with horses, we have lost this with a few exceptions. We would no longer expect a *human* to show optimal performance and healthy movement if their nervous system has no idea what the movement is *for*, but is instructed / directed /manipulated. Asking the horse to step under when the only movement purpose is to earn relief (or a treat) is an EXtrinsic motivation reason, but it is not a *movement* purpose. Asking a horse to bend, “give”, soften, flex, spring, collect, reach, etc. if there is no *purpose*, the movement system cannot optimize for the movement, and might respond with resistance, pain, bracing. . It is here where many of us believe biomechanics-focused movement went astray. And it is why a massive shift in the human movement world has taken hold, Why modern gyms began replacing selectorized machines with battle ropes, kettle balls, and sand bags. Why we put “function” back into movement. Why we give people movement goals involving tasks in the environment. Hit that. Grab that. Push it back. Leap that. Catch that. Block her punch. Avoid her kick. Race him to the tree. . You don’t have to know the science (but read up on topics like “non-linear pedagogy in skill acquisition” and “external focus of attention in sport” for a start, if you’re a science geek). . Simply giving the horse a *movement* (not just relief/reward) purpose changes everything🤺

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Hinzu kam ihr Pferd Draumur. „Vor ungefähr neun Jahren hatte ich ein Pferd, bei dem eine neurologische Störung diagnostiziert wurde. Später stellte sich zwar heraus, dass es die Störung doch nicht hatte, aber damals war ich echt verzweifelt. Ich merkte, dass WEDER die ‚traditionellen‘ Trainingsansätze (Druck/Nachgeben, Natural Horsemanship) noch die positive Verstärkung (Clickertraining – vor etwa 20 Jahren habe ich angefangen, positive Verstärkung mit Pferden zu nutzen, damals aber noch nicht mit der Intrinzen-Philosophie) gut für ihn waren. Deswegen suchte ich nach anderen möglichen Antworten und fand den anfänglichen Funken im Studium der Motivationswissenschaft. Später habe ich die Bewegungswissenschaft mit einbezogen, die sich sehr von der Wissenschaft unterschied, die ich in der Universität vor langer Zeit studierte – ich komme beruflich ursprünglich aus dem Bereich menschlicher Kinesiologie/Biomechanik/Trainingsphysiologie. Die Bewegungswissenschaft hat insbesondere im letzten Jahrzehnt dramatische Fortschritte gemacht und sich grundlegend verändert.“

ntrinzentraining mit Pferden

Die Freude an den natürlichen und physiologischen Bewegungen wiederentdecken

Vor diesem Hintergrund haben Kathy und Steinar Intrinzen entwickelt. Dabei werden die Pferde anhand spielerischer Bewegungsanreize motiviert, ihre Freude an den natürlichen und physiologischen Bewegungen wiederzuentdecken. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um ein spezifisches Training mit einer Schritt-für-Schritt-Methode.

Intrinzen sei zum einen eine spezielle Philosophie der Arbeit mit Pferden und zum anderen eine Plattform, die diese Philosophie lehrt, erklärt Kathy: „Das wichtigste für uns ist unser Projekt Proprius. Darin zeigen wir Beispiele, wie wir diese Aspekte aus der Bewegungswissenschaft und der Motivationswissenschaft persönlich anwenden, ABER wir zeigen dies nicht als den einen Weg. Wir glauben, dass jeder seinen eigenen Weg entwerfen und umsetzen muss und wir zeigen nur eine der unendlichen Möglichkeiten, wie diese Prinzipien umgesetzt werden können.“

Das von Kathy erwähnte Projekt Proprius ist ein Onlinekurs. Er erläutert die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinter Intrinzen und erklärt anhand von Bewegungs- und Motivationswissenschaft, wie und warum Intrinzen funktioniert. Das Intrinzen-Konzept im Allgemeinen erläutert Kathy in ihren kostenlosen eBooks, die auf der Seite www.intrinzen.horse heruntergeladen werden können.

Voraussetzung für Intrinzen-Training ist die positive Verstärkung (+R)

Mit diesem Wissen kann im Grunde jeder beginnen, sein Pferd anders, intrinsisch, zu motivieren. Vorausgesetzt, er lässt sich auf die positive Verstärkung (+R) mittels Clicker und Futterlob ein und gesteht seinem Pferd Autonomie zu, denn dies beides sei das A und O, wie Kathy  erläutert: „Wir benutzen den Clicker, weil die Bewegungswissenschaft sehr klar zeigt, dass die Anwendung von Druck oder direkter mechanischer Manipulation KEINE wirklich gesunde Bewegung hervorbringt, auch wenn es so aussieht, als sei die Bewegung korrekt.“

Allerdings lässt sich Intrinzen-Training nicht mit herkömmlichem Clickertraining vergleichen, denn es wird nicht nur das Wissen um die operante Konditionierung (Click -> Futterlob) genutzt, sondern es wird in einen größeren Kontext der intrinsischen Motivation eingebunden. Mithilfe des Clickers und dem damit verbundenen gezielt eingesetzten Futterlob werden keine vom Menschen erdachten Bewegungen antrainiert, sondern es werden die Bewegungsideen des Pferdes (!) positiv verstärkt und dem Pferd auf diese Weise gezeigt, wie es sich auch ohne den Einfluss des Menschen stark und gesund bewegen kann. Damit unterscheidet sich Intrinzen trotz der Arbeit mit dem Clicker grundsätzlich vom verbreiteten Clickertraining und jeder anderen Form operanter Konditionierung, weil das Ziel nicht die extrinsische, sondern die intrinsische Motivation ist.

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Step away and let them show you who they are. This lesson came slow to me. I kept thinking I must do more, be more, encourage more, lead more. The goal of all forms of Horsemanship is the human to do as little as possible. But the paths to getting there are wildly diverse. The Natural Horsemanship (and some classical training) is to ask as lightly as possible, but back it up by quite literally the hardest whack you can give (this is the "effective phase 4" in Parelli) so that the horse learns quickly "what happens before what happens happens", and will then respond with the lightest cue so he can avoid what he now knows will happen if he does not. This works extremely well of course, as it is the principle of "negative reinforcement" (-R) from Operant Conditioning (though it also includes punishment, or +P). But even from the very origins of Operant Conditioning, BF Skinner himself recognized that punishment came with side-effects, and the cognitive neuroscientists now understand those side-effects. If you want to truly understand the science that makes training with escalating pressure and "corrections" a serious problem for the horses overall health and well,being, read Panksepps work (the rare person to hold prestigious academic chairs in both human AND veterinary universities) on Affective Neuroscience. This work had NOT been done at the time popular Horsemanship approaches were first evolved. Nobody knew what hormones and neurotransmitters were coursing through the horse as a result of loss of control. Deep studies on herd leadership had also not yet happened. We all did the best we could under what was known at the time, based on observation and intuition. Which turned out to be faulty. But today, I realize that if I never go to phase 2, 3, 4… that if I give the horse autonomy, an amazing spirit begins to emerge. The horse begins to show you NOT what he has learned YOU want him to show, but what HE wants to show. And big flashy or subtle and soft, it is a miracle. But it starts by stepping away from the horse. To see them for who they truly are, not who we force them to be ❤️

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Die erste Übung: Core Stabilizer/Crunches:

Die erste Übung, die gleichzeitig die Grundlage von Intrinzen darstellt, ist der so genannte Core Stabilizer, auch als Crunches bekannt. Hierbei verlagert das Pferd sein Gewicht auf die Hinterhand, hebt über den Brustkorb, mit Hilfe der Bauchmuskulatur, den Widerrist an, wölbt den Rücken auf und verlagert das Gewicht nach hinten. Es sieht stolz aus – und das ist wichtig. Denn, so die Intrinzen-Philosophie: Die Körperhaltung eines Pferdes ist mehr als eine reine Übung oder ein Verhalten. Es ist Grundlage für die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein eines Pferdes, denn die Körperhaltung hat einen großen Einfluss auf das Nervensystem. Deswegen steht die Übung Core Stabilizer am Anfang des Intrinzen-Trainings und dient als Grundlage für alle weiteren Bewegungsabläufe. Sie wird in den kostenlosen eBooks detailliert erklärt.

Intrinzen-Training in Deutschland

Auch in Deutschland findet das Intrinzen-Training immer mehr Anhänger, beispielsweise Anja Rut Hebel und Tanja Hilbig. Anja arbeitet als mobile Reit- und Bodenarbeitslehrerin im Raum Freiburg/Hochschwarzwald und ihr Schwerpunkt liegt auf der gesunderhaltenden Gymnastizierung nach der Akademischen Reitkunst, insbesondere von Reha und Gangpferden (hier geht es zu ihrer Webseite). Sie nutzt das Intrinzen-Training für ihren Wallach Glæðir. Er hat schon als junges Pferd eine Verletzung am Karpalgelenk gehabt und darüber hinaus aufgrund seines sehr weichen Bindegewebes eine ausgeprägte Hypermobilität. Sein Handicap zwang Anja dazu, alternative Wege zu gehen und immer wieder gibt es Phasen, in denen er seiner Besitzerin zeigt, dass etwas nicht stimmt.

„Im Februar 2018 ging wieder einmal gar nichts – Glæðir weigerte sich vorwärts zu gehen, sowohl in der Bodenarbeit als auch beim Reiten und begann zu beißen. Die körperlichen Ursachen – massive Wirbelblockaden – waren bald gefunden. Doch ich hatte auch sein Vertrauen und seine Motivation vorerst verloren. Eine meiner Reitschülerinnen machte mich auf Intrinzen aufmerksam, genau zum richtigen Zeitpunkt. Die schönen Slowmotion-Filme von Steinar und Kathy sprechen viele emotional an – jeder wünscht sich eine harmonische Partnerschaft mit seinem Pferd. Viel spannender fand ich aber die Erkenntnisse aus der Motivationspsychologie und die wissenschaftlichen Hintergründe zum Training. Auch Steinars Hengst Elfaxi hat mich von Intrinzen überzeugt, da er ebenfalls hypermobil ist und sich dennoch gut stabilisieren kann.“

Intrinzentraining mit Pferd
Tanja und ihre Stute Huldi nutzen Intrinzen-Training schon seit einigen Jahren

Ganz ähnlich erging es Tanja. Auch sie war auf der Suche nach einer Alternative für ihre Stute Huldi. „Ich lernte Huldi kennen, als sie noch keine vier Jahre alt war und sollte bald ihre fünfte Besitzerin werden. Ich war vom ersten Moment an völlig fasziniert von ihr, sie aber nicht von mir. Sie stellte sich als absolute Nein-Sagerin dar. Huldi wollte einfach nichts. Nicht nett sein, nicht interessiert sein, nicht angefasst werden, nicht longiert werden, nicht gucken, nicht kommen, nicht mit anderen Pferden Kontakt haben, eigentlich wollte sie überhaupt nichts, was Nähe und Druck bedeutete. Nur spazieren gehen und Kutsche fahren machte sie immer gut mit. Reiten war fünf- und sechsjährig eine einzige Katastrophe und besserte sich nur langsam. Huldi entzog sich mit extremem Tempo und bog ständig im Rennpass ab, wo immer ihr der Weg kürzer erschien. Schulmedizinisch gesund wirkte sie dennoch so, als würde sie große Schmerzen haben und davor weglaufen. Später habe ich mehr und mehr verstanden, dass sie in einer Art Blase stecken musste, die nicht durchdrungen werden sollte und sie hochsensibel machte. Huldi lebt in einer ganz tollen, großen, gemischten Isi-Herde, auf insgesamt 10 Hektar Weiden. Viel Platz zum Ausweichen und viele potentielle Kumpels, aber keiner war der richtige.“

Vom Nein-Sager zum Ja-Sager!

Vor rund zwei Jahren hörte Tanja das erste Mal von Intrinzen und im Winter 2016/17 begann sie das Programm mit den Crunches. Seit diesem Jahr ist sie im Projekt Proprius mit dabei. „Das Projekt gibt mir die Möglichkeit, mich selber an Huldis Seite weiterzuentwickeln. Es gibt eine Menge  wissenschaftlichen Input und viele Ausschnitte aus der Arbeit von Steinar und Kathy, die nicht als Dogma, sondern als Beispiel oder Anregung zu sehen sind. Für mich war entscheidend zu verstehen, warum diese Arbeit so viel mehr Sinn macht als alles bisher Dagewesene. Es sind nicht nur die Ergebnisse, die überzeugen, sondern auch das, was dahinter steckt.“

Seit Tanja ausschließlich mit +R und Intrinzen arbeitet, kann sie beobachten, wie ihre Stute aus ihrer Blase herauszuwachsen scheint. „Sie wird immer größer und stolzer und hat die Blase zum Platzen gebracht! Kleine Reste hängen noch hier und da, aber die schütteln wir auch noch ab“, sagt sie motiviert. „Es geht ja nicht darum, was wir in der Zeit erreichen, in der wir trainieren, sondern was das Leben nachhaltig verändert. Genau hier liegt der Unterschied: Ob ich ein Pferd in eine Haltung zwinge (durch Ausbinder & Co.) oder es manuell in eine Position bringe (das Vorderbein aktiv nach vorne ziehe) – sobald ich loslasse, den Ausbinder abmache, verändert sich nichts für die restlichen 23 Stunden… Inzwischen ist Huldi zu einem sozialen Pony geworden, das nun mitten in der Herde steht und Seite an Seite grast und sich mit anderen krault. Auch den Menschen gegenüber ist sie sehr viel aufgeschlossener. Es wirkt komisch, das ein Pony, das ursprünglich nicht mit dem schärfsten Gebiss zu kontrollieren war, nun bewusst zur Autonomie ermuntert wird. Verrückterweise wurde so aus einem Nein-Sager ein Ja-Sager! Es ist spannend zu beobachten, was sich Tag für Tag verändert, ganz nach dem Motto: der Weg ist das Ziel.“

Eine ähnliche Beobachtung konnte auch Anja machen. „Mein Pferd hat etwa vier Wochen gebraucht, bis es wieder mit mir zusammensein wollte. Anfangs habe ich zum Teil hinter einem Zaun gearbeitet. Wir verstärken mit Intrinzen natürliches Imponierverhalten und das kann das Pferd durchaus gegen den Menschen einsetzen. Wenn das Pferd frustriert ist, wird anfangs aggressives Verhalten zum Vorschein kommen. Den Teufelskreis von Druck und Gegendruck oder Resignation des Pferdes muss ich als Mensch durchbrechen, indem ich mich vor dem Pferd schütze, aber auch das Pferd vor meinen Strafen. Das Interessante war, dass z.B. das Beißen sehr schnell aufgehört hat und nur noch in Stresssituationen als Übersprungshandlung zum Vorschein kommt. Vorher wurde es durch Strafen immer schlimmer. Ich bin da vielleicht auch nicht so konsequent und denke, es wird schon einen Grund haben, wenn das Pferd sich widersetzt. Pferde leben im Augenblick – sie planen nicht, dem Menschen eins auszuwischen. Wenn man dem Pferd seine Autonomie zeitweise zurückgibt, wird es anfangs austesten, ob es tatsächlich frei entscheiden kann. Interessant war, dass Glæðir nach etwa zwei Monaten Imponierverhalten („Badass“) zeigte und ab diesem Zeitpunkt auch das gegenseitige Vertrauen wieder da war.“

Auch körperlich zeigten sich bei Glæðir bald Erfolge: „Gerade Isländer sind häufig Meister im Mogeln und wenn der Mensch das nicht merkt, schaden gymnastizierende Übungen mehr, als dass sie nützen. Ich habe z. B. jahrelang versucht, meinem Pferd Hankenbeugung zu erklären, durch die setzende Parade. Dadurch sackte nur der Rücken ab. Erst als Glæðir selbst ausprobieren konnte, wie er den Rumpf anhebt und sein Gewicht von allein auf der Hinterhand ausbalanciert, kam der Durchbruch.“

Intrinzen verändert Pferd und Mensch

Und ebenso wie bei Tanja hat die Arbeit mit Intrinzen nicht nur ihr Pferd verändert, sondern auch sie selbst, wie sie gesteht. „Ich neige aber immer wieder dazu, ihm Dinge aufzuzwingen und in die ‚Ehrgeiz-Falle‘ zu tappen. Manche Sachen müssen natürlich auch sein, z.B. Tierarzt, Verladen, Hufpflege, Sicherheit im Gelände. Andere Dinge kann ich aber nicht mehr einfordern, z.B. dass ich heute unbedingt reiten möchte oder eine bestimmte Lektion abrufe. Ich gehe meist sehr offen zum Pferd, ohne Plan. Manchmal macht Glæðir mit und dann bekomme ich sehr schöne Momente geschenkt, manchmal nicht. Beides muss okay sein. Außerdem möchte ich in meiner Freizeit einfach ‚Zeit schön verbringen‘, wie es Bent Branderup treffend ausdrückt. Das kann ich nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Pferd nur widerwillig mitmacht. Mein Ziel ist ein gesundes Pferd, das gerne mit mir zusammen ist. Dafür ist Intrinzen ein Baustein.“

Und sie weist auf Xenophon hin, den Vater der Reitkunst, der um 365 v. Chr. folgende Grundsätze formuliert hat, die stark an Intrinzen erinnern:

„Was ein Pferd unter Zwang tut (…), das beherrscht es nicht, noch sieht das in irgendeiner Weise schöner aus, als wollte man einen Tänzer durch Peitschen und Stacheln (zum Tanzen) zwingen. Viel eher würde jeder, dem so etwas widerfährt, eine schlechte als eine gute Figur machen, sei es nun Mensch oder Pferd. Es muss vielmehr all seine schönsten und prächtigsten Leistungen aufgrund von Hilfen freiwillig vorweisen. Wenn man nun das Pferd in die Haltung bringt, in die es sich zur Selbstdarstellung wirft, wenn es sich am meisten in seiner Schönheit zeigen will, so wird man auf diese Weise sein Pferd als eines vorführen, das am Reiten Freude hat, prächtig und gewaltig aussieht und die Blicke auf sich zieht.“


Der Text erschien erstmals in DAS ISLANDPFERD 5/2018

Titelbild © Anja Rut Hebel

Foto steigendes Pferd © Tanja Hilbig/Feeea Bruhm

  1. Hallo Karolina,
    Danke für den tollen Beitrag! Ich wüsste gerne, ob du selbst das ebook von Intrinzen gelesen hast und auch danach gearbeitet hast? Oder bist du gerade dabei? Wäre toll, wenn du darüber berichten magst.

    Und eine Frage noch: Die „Crunches“ sind doch nichts anderes als der klassische Schulhalt, nur mithilfe positiver Verstärkung beigebracht, oder?

    Liebe Grüße
    Nadine

    • Hallo Nadine,

      ich habe vor dem Schreiben des Artikels die drei eBooks gelesen (mittlerweile gibt es schon ein viertes) und war beim bzw. nach dem Lesen angefixt. Ich habe vorher schon zum Teil mit positiver Verstärkung gearbeitet (Tricktraining und Zirkuskram 🙃) und habe deswegen nicht lange überlegt und die Crunches in unser Training eingebaut.
      Ich sehe sie auch als eine Art Schulhalt.
      Wir „crunchen“ nun schon ein paar Wochen und ich habe das Gefühl, dass ich es beim Reiten merke. Anhalten, ein von Anfang an schwieriges Thema für mein Pony und mich, klappt plötzlich so viel besser. Ob es daran liegt oder an etwas anderem, weiß ich nicht. Aber das war mir aufgefallen.
      Nächste Woche wird es noch einen Erfahrungsbericht von einer Intrinzen-„Schülerin“ geben – schau einfach wieder vorbei oder abonnier meinen Newsletter, damit du den Beitrag nicht verpasst.
      Liebe Grüße
      Karo

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