Clickertraining mit Pferd: Häufige Fehler und ihre Ursachen

Pferdetraining mit positiver Verstärkung (kurz: Clickertraining) findet immer mehr Anhänger. Auch ich gehöre zur „Keksfraktion“ – ich arbeite nicht ausschließlich mit positiver Verstärkung, ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es Bereiche gibt, in denen diese Form des Trainings  am besten funktioniert. Clickertraining bedeutet aber nicht einfach nur Klick und Keks und ich habe festgestellt, dass man dabei jede Menge falsch machen kann.

Über mögliche Fehler beim Clickertraining und die Frage, ob das Pferdetraining mit positiver Verstärkung mit jedem Pferd möglich ist, habe ich mit Nina Steigerwald gesprochen. Nina ist Expertin im Bereich der positiven Verstärkung. Mehr über Nina und ihre Arbeit erfährst du auf www.pferdewippe.de.

Immer wieder höre ich: „Ich kann nicht clickern, weil mein Pferd dann schnappt.“ Was läuft hier falsch?

Nina Steigerwald: Diese Begründung für nicht-clickern höre ich auch relativ häufig. Sucht man die Ursache beim Pferd – gierig, Haflinger, aus schlechter Haltung, dominant, etc. – ist es natürlich eine Möglichkeit, auf den gewohnten Pfaden der Pferdeerziehung weiter zu wandeln. Will man den Fehler bei der Methode suchen, findet man zum Glück so viele positive Beispiele von geclickerten Pferden, die höflich sind, dass es also auch daran nicht liegen kann.

Was falsch läuft, ist in sehr vielen Fällen eine mangelhafte Vorbereitung seitens des Menschen. Es ist ein wenig so, als würde man als Reitanfänger sagen: „Ich kann nicht reiten, weil mein Pferd mich dann durchschüttelt.” Nun ist Durchschütteln meistens nicht so gefährlich und lästig wie Schnappen, aber man weiß als Anfänger, dass es dauern kann, bis man mit dieser Problematik zurechtkommt. Im Idealfall wird sich der Interessent eines neuen Hobbys mit dem Thema auch theoretisch auseinandersetzen und sich an Fachleute wenden, um gute Erfolge zu haben.

Schauen wir uns also einmal die Abläufe an. Tiere machen das was sich lohnt und bringen von Natur aus einen überlebensnotwendigen Egoismus mit.  Schnappt mein Pferd nun, weil ich bei der Arbeit füttere, heißt das, dass es sich schon einmal (mehr) im Leben dieses Pferdes gelohnt hat, zu schnappen. Sei es beim Vorbesitzer, bei unwissenden Besuchern im Stall oder durch eigene Fehler im Umgang mit Futterlob. Aus Sicht des Pferdes hat man das Futter schneller im Maul, wenn man schnappt. Gebe ich einem Schnapper trotz Schnappens das Futter, sorge ich also selbst dafür, dass er wieder schnappen wird! Verhalten wird über die Konsequenzen gesteuert, die ihm folgen.

Stellen wir uns einmal vor, ein Kunde hat eine Pizza bestellt, hat von diesem Italiener schon mehrfach leckeres Essen bekommen und wartet nun voller Vorfreude in seiner Wohnung. Jetzt ruft er an: “Wo bleibt denn meine Pizza? Ihr habt mir doch eine Pizza versprochen!” Das kann man mit einem Pferd vergleichen, was mit dem Maul zur Tasche geht, weil Abwarten so schwer ist.

Unser Kunde läuft durch den Treppenflur, um dem Boten schon am Kofferraum den Karton aus der Hand zu reißen. Übergibt der Lieferant die Pizza kommentarlos, wird der eilige Kunde beim nächsten Mal wieder möglichst schnell das Objekt seiner Begierde an sich bringen. Weil es sich gelohnt hat, unhöflich zu sein!

Das ist nicht innig sondern unhöflich
Das ist nicht innig sondern unhöflich

Als Clickertrainerin bringe ich meinem Gegenüber bei, dass ich immer zuverlässig bis an den Couchtisch liefere. Und nur da gibt es Zugriff auf die Pizza. Wer mich bedrängt, bekommt seine Pizza später. Damit Pferde dieses Konzept verstehen, ist es sinnvoll die Anfänge hinter einer Absperrung oder mit einem angebundenen Pferd zu machen. Immer nur, wenn mein Pferd stillhält, d.h. alle vier Hufe auf dem Boden hat und Kopf und Hals gerade und unbeweglich sind, clicke und füttere ich danach blitzschnell. Nach dem Füttern warte ich wieder ab, bis es wieder ruhig auf der Couch sitzt und quasi auf seine Pizza-Lieferung wartet. Das ist die Basis für vernünftiges Clickern.

Welche Rolle spielt die Futterposition und worauf sollte ich achten, wenn ich meinem Pferd einen Keks gebe?

Die Futterposition oder der Futterpunkt, ist der Ort, an dem mein Pferd sein Futter angereicht bekommt. Ich setze ihn im Idealfall oder als Standard mittig vor der Brust des Pferdes, Nase leicht vor der Senkrechten, also in leichter Dehnungshaltung. Vor allem das Mittige geht einem im Laufe des Trainings gerne einmal verloren, weil Pferde die natürliche Tendenz zu mir bzw. zum Futter hin haben. Gerade für die Anfänge gilt: Immer schön weg von Mensch und Tasche füttern.

Wichtig ist die exakte Futterposition: mittig und gerade vor der Brust des Pferdes
Wichtig ist die exakte Futterposition: mittig und gerade vor der Brust des Pferdes

Hier kommt auch wieder die Pizza ins Spiel: Kommt mir mein Pferd entgegen, sollte ich nicht ausliefern. Auch, wenn es nach dem Click geschieht. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das Verhalten, welches am nächsten am primären Verstärker – also am Futter – ist, am besten verknüpft wird. Da nützt es leider wenig, wenn ich genau den richtigen Moment geclickt habe, aber mein Pferd sich das Essen quasi selbst aus der Tasche holt bzw. es einfordert. Lernen findet immer statt, auch wenn wir es gerade nicht wollen oder präsent haben.

Worauf ich unbedingt achten und es auch ohne Pferd üben sollte, ist das Timing von Click und Futtergabe. Warum? Im Idealfall möchte mein Pferd das Futter, was ich dabeihabe, gerne fressen. Es wird also darauf achten, was ihm ankündigt, dass es gleich soweit ist. Wenn im Training meine Hand in die Futtertasche geht, wieder herauskommt, ich clicke und füttere, was kündigt als Erstes das Futter an? Genau. Die Handbewegung! Passiert dies häufiger als ein paar Male hintereinander, ist für ein so trainiertes Pferd nicht der Click die entscheidende Botschaft, sondern meine Bewegung. Bewege ich meine Hand, könnte es also aus Pferdesicht sehr gut sein, dass danach Futter kommt. Der Click wird zweitrangig, überschattet von der Bewegung. Und schon habe ich ein schnappiges Pferd, weil es zu häufig die Information bekommen hat, dass einer sich bewegenden Hand die Futtergabe folgt.

Ich habe meine Hand stets schon mit der nächsten Portion in der Futtertasche ruhen. Erst nach dem Geräusch des Clicks darf die Hand aus der Tasche kommen! So verstehen Pferde auch das Konzept „ohne Click kein Keks“ und werden sich entsprechend verhalten. Möchte ich im Zwischendrin-Miteinander mein Pferd füttern, nehme ich den Moment des Höflich-Seins und mache einen Click mit der Zunge und gebe dann das Leckerli.

Wie sieht es mit dem richtigen Timing aus, wann muss ich clicken und was ist, wenn ich das Timing verpasse?

Timing ist für ein gutes Verständnis seitens des Pferdes elementar. Dies gilt für jede Art des Lernens, egal ob Verstärker oder Hemmer eingesetzt werden. Auch hier möchte ich dazu einladen, sich selbst fit für sein Tier zu machen. Es gibt wunderbare Gesellschaftsspiele wie z.B. Triple, bei denen genau das Trias Beobachten-Entscheiden-Handeln mit viel Spaß verbessern lässt, und auch digital gibt es einige Angebote, um an seinen eigenen Fähigkeiten zu arbeiten. Zwei meiner Kolleginnen, Wibke Deutsch und Corinna Lenz, haben „Train the trainer“ (erhältlich im Kynos Verlag) entwickelt, bei dem wir Menschen viele Aha-Effekte haben und spielerisch Lernwege kennenlernen können.

In einer perfekten Welt clicke ich immer nur in dem Moment, wenn mein Pferd ein Verhalten zeigt, von dem ich möchte, dass es wieder gezeigt werden wird. Click und Futter bewirken nämlich genau dies: Das Verhalten dem sie unmittelbar folgen, wird als lohnenswert abgespeichert. Und da Tiere das tun, was sich lohnt, wird dieses Verhalten wieder auftreten. Je häufiger es sich gelohnt hat, desto häufiger wird es auftreten.

Schlechtes Timing kann Auswirkungen in unterschiedliche Richtungen haben. Verpasse ich die gewünschte Aktivität und clicke zu spät, wird ein Verhalten bestärkt, was ggf. gar nicht mein Zielverhalten ist. Also wird mein Pferd nur sehr langsame Lernfortschritte machen können, weil die Belohnungen immer für etwas anderes kommen. Die Informationen, die ich meinem Pferd gebe, können also sehr verwirrend sein. Dieselbe Problematik gilt für spätes Füttern.

Das schnelle Füttern lässt sich üben
Das schnelle Füttern lässt sich üben

Einige Pferde werden beim Clickertraining aufgeregt, sie brummeln oder schachten aus (wenn es Wallache sind). Was sagst du zu diesem Verhalten? Und hast du einen Tipp, wie ich mehr Entspannung in das Training bringen kann?

Ich freue mich über diese Reaktionen – solange das Verhalten, an dem ich trainiere, nicht schlechter wird. Viel Aufregung im Clickertraining entsteht, wenn das arme Pferd einfach nicht weiß, was die eigentliche Aufgabe ist. So bietet es viele Verhalten an, hält kaum still und überschlägt sich scheinbar vor Freude, wenn endlich der Click ertönt. Würde man im Training auch viel das Stehenbleiben clicken und füttern, wäre schon vieles entspannter. Stehen und vor allem stilles Stehen ist kein einfaches Verhalten, wenn ein Pfund Futter vor dem Menschenbauch anwesend ist. Entspannung bekommt, wer entspanntes Verhalten belohnt! Ein Trainingsplan mit klar formulierten Kriterien bringt durch die bessere Durchschaubarkeit der Aufgabe auch viel Ruhe ins Training.

Clickertraining mit Pferd - Pferde sind ruhig trotz vollem Futterbeutel vor der Nase

Was mache ich verkehrt, wenn mein Pferd beim Clickern im Stress gerät (oder vielleicht sogar schon beim Anblick des Clickerbeutels)? Oder gibt es vielleicht auch einfach Pferde, für die Clickern nichts ist?

Die Frage an dieser Stelle ist, woher der Stress kommt. Was löst ihn aus? Ich kenne ein paar Pferde mit schlechter Biografie, bei denen Futter sehr stark mit darum-kämpfen-müssen-weil-nie-genug-da-war verknüpft ist. Bei diesen investieren die Besitzerinnen immer wieder Trainingszeit in ruhiges Stehen und ruhiges Nehmen des Futters. Hier kann es auch sinnvoll sein, mit sehr geringwertiger Belohnung wie z.B. trocken verfütterbaren Heucobs zu trainieren.

Der Großteil der im Training gestressten Pferde, die ich kennengelernt habe, hatte jedoch andere Auslöser: schlechtes Timing, unklare Kriterien, keine Signale und/oder Signale im falschen Moment. Es ist nicht das Training mit Clicker und Futter, was Pferde stresst, sondern die falsche Anwendung dieser machtvollen Trainingshelfer. Das ist auch einer der Gründe, warum immer mehr Menschen sich in Hühnermodulen weiterbilden. Fehler sind normal, dumm nur, wenn mein Pferd alle meine Anfängerfehler ausbaden muss…

In den Hühnerclickerkursen bei Nina Steigerwald lernen Pferdetrainer und Pferdebesitzer das Clickerhandwerk
In den Hühnerclickerkursen bei Nina Steigerwald lernen Pferdetrainer und Pferdebesitzer das Clickerhandwerk

Solange ein Pferd Nahrung mit dem Maul aufnehmen kann, ist es für Clickertraining geeignet. Es gibt hingegen bei uns Menschen manche, für die diese Art des Trainings einfach nichts ist. Man muss sehr stark an sich und seinen Fähigkeiten arbeiten, alte Glaubenssätze über Dominanz und natürliches Pferdeverhalten hinterfragen und in gewissen Bereichen komplett umdenken. Ohne eigene Fortbildung wird es in dem Bereich schwer, wirklich fein und schön mit seinem Pferd kommunizieren zu können und in den Genuss eines freudig mitspielenden Pferdes zu bekommen. Für mich war viele Jahre Clickertraining auch nichts 😀 Ich war zufrieden, teilweise stolz auf die Resultate, die ich mit negativer Verstärkung und Strafe erzielt hatte und glaubte an die Wichtigkeit von Chef-Sein in der Beziehung zu Tieren.

Was ist, wenn ich bereits mit dem Clickertraining begonnen habe und feststellen muss, dass es irgendwie nicht so läuft, weil mein Pferd zu schnappen beginnt oder so aufgeregt ist, dass es gefährlich wird – wie schaffe ich es, den „richtigen Weg“ einzuschlagen, damit ich trotzdem weiterhin mit positiver Verstärkung arbeiten kann?

Nicht mehr mit Clicker und Futter ans Pferd gehen ist die erste Maßnahme. Dann mache Dir eine Liste, was Dein Pferd für Übungen kann. Welche Art von Fehlern treten dabei auf, wie oft funktioniert etwas? Wie reagiertest du auf Fehler bzw. Unhöflichkeit? Mache Dir klar, wie oft du höfliches, ruhiges Verhalten geclickt hast. Wie oft gab es in unruhiges Verhalten hinein eine Aufgabe, die dann geclickt und gefüttert wurde? Frage Dich, wie lange Dein Pferd Stillstehen bzw. ruhig bei Fuß gehen kann. Dann filme eine Einheit von ca. drei Minuten und schaue Dir in Ruhe das Video an.

Hierbei wird schon vieles klarer, wenn wir uns unter dem Aspekt “positive Verstärkung ist ein Prozess, kein einzelnes Ereignis” die Abläufe im Miteinander ansehen. Zieht mein Pferd am Strick, ich sage “Ho”, es bleibt stehen und ich clicke und füttere das Anhalten, dann habe ich das Ziehen am Strick verstärkt. Fängt es nach dem Füttern an, um mich herumzulaufen und ich gebe das Signal für Flehmen, was ich clicke und füttere, dann habe ich das Herumlaufen bestärkt. Was folgt auf was? Welches Verhalten meines Pferdes habe ich gewollt oder ungewollt verstärkt?

Back to Basics heißt wie oben schon beschrieben, am Anbinder ein völliges Stillhalten zu belohnen. Ein erfahrener Trainer kann an so einer Stelle sehr hilfreich sein, meine Ausbilderin Viviane Theby hat eine TOP-Trainer-Gruppe ins Leben gerufen, damit der interessierte Tierbesitzer sich an kompetente Stellen wenden kann. Wir haben zudem auch DVDs und Bücher geschrieben, in denen die Grundlagenarbeit gut erklärt wird. Lernen macht Freude, wenn man weiß wie!

Ninas Pony Wolfgang zeigt, wie schön das Ergebnis positiver Verstärkung mit dem Clicker aussehen kann
Ninas Pony Wolfgang zeigt, wie schön das Ergebnis positiver Verstärkung mit dem Clicker aussehen kann

Liebe Nina, vielen Dank für das tolle Interview!


Wie stehst du zum Clickern? Hast auch du schon den ein oder anderen oben beschriebenen Fehler gemacht oder das Clickern aufgegeben, weil dein Pferd ein für dich unerwünschtes Verhalten gezeigt hat? Erzähl mir gern in einem Kommentar davon!

Wenn du mehr über das Thema positive Verstärkung und die Arbeit mit dem Clicker erfahren möchtest, empfehle ich dir Ninas Bücher und DVDs.

Außerdem empfehle ich dir meine Rezension zum Buch Ehrlich motiviert, das sich ebenfalls mit dem Thema positive Verstärkung beschäftigt.

Viele Grüße

Karo von 360° Pferd

Fotos © Nina Steigerwald

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