Hilfe – Mein Pferd ist zu dick!

Seit rund einem Jahr bekommt mein Pferd mehr oder weniger Futter ad libitum. Im Sommer, während der Weidezeit, gab es auch ein paar Fresspausen, außerhalb der Weidezeit stand und steht ihm aber dauerhaft Raufutter zur Verfügung. In Kombination mit Schwangerschaft und Baby (ergo weniger Reitzeit) muss ich leider sagen: Mein Pferd ist zu dick.

Sleipi ist nicht viel zu dick. Aber er ist mir zu dick. Oder zumindest zu moppelig.

Adipositas ist nicht nur bei uns Menschen ein immer größer werdendes Problem, sondern auch bei Pferden. Und das sowohl im Freizeit- und Breitensportbereich, als auch im Spitzensport.

Dadurch hat sich auch unsere Wahrnehmung verändert: Wenn wir immer nur moppelige Pferde sehen, dann fällt es uns besonders auf, wenn ein Pferd schlank ist. Wir haben möglicherweise sogar den Eindruck, es sei zu schlank. Dass ein Pferd aber ein wenig zu viel Gewicht mit sich rumschleppt, sehen wir hingegen nicht. Dr. Anne Mößeler, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, hat mir deshalb den Tipp gegeben, dass man mal einen Blick auf vierbeinige Spitzensportler in Ausdauer-Disziplinen werfen sollte.

Und tatsächlich: Seit einigen Wochen gehe ich regelmäßig mit einer Freundin ausreiten, die mit ihrem Pferd im Distanzsport erfolgreich ist. Und während ich ständig in Sorge bin, dass mein Pferd zu dick ist, hat ihr Pferd kaum ein Gramm Speck auf den Rippen.

Gewichtsprobleme rechtzeitig erkennen: gar nicht so leicht

Als Pferdebesitzer ist es immer schwierig objektiv zu bewerten, wie es um den Futterzustand des eigenen Vierbeiners steht. Für mich ist mein Pferd vielleicht ein kleines süßes Moppelchen, für Außenstehende, die keinerlei Emotionen mit dem Pferd verbinden, ist es schon viel zu fett. Viele Pferdebesitzer erkennen das Gewichtsproblem nämlich oft erst dann, wenn es fast zu spät ist und ernsthafte Gesundheitsprobleme auftauchen.

Eine  große Schwierigkeit besteht vor allem darin, den Weg hin zur Fettleibigkeit wahrzunehmen. Zu viel Speck kommt ja nicht von heute auf morgen und es ist ein langsamer Prozess. Doch wenn man sein Pferd jeden Tag sieht, fallen einem diese kleinen Veränderungen nicht auf.

Und nicht jeder weiß, worauf er zu achten hat. Denn nicht der dicke Bauch ist hier das Problem, sondern die Fettpolster, die sich am restlichen Körper deutlich sammeln.

Info: Der vermeintlich dicke Bauch deines Pferdes besteht nicht aus Fett, sondern aus Gasen, die sich im Darm sammeln und den Bauch aufblähen. Auch sind Blinddarm in der rechten Flanke und der gesamte obere Dickdarm mehr gefüllt. Wenn du dein Pferd von der Weide holst, wird der Bauch sehr rund sein. Reitest du dein Pferd, ist der Bauch wieder schmal.

Übergewicht macht Pferde krank!

Wenn dein Pferd zu viel Gewicht mit sich herumträgt, dann wird es über kurz oder lang krank. Dies kann den Bewegungsapparat betreffen, es kann Hufrehe entstehen oder es können Stoffwechselstörungen wie EMS (Equines metabolisches Syndrom) auftreten.

Hinzu kommt, dass das Fettgewebe Hormone und Substanzen produziert, die aufgrund ihrer Entzündungen fördern und darüber hinaus den Stoffwechsel des Pferdes (und hier vor allem den Zuckerhaushalt) stören können. Konkret sieht das so aus, dass auf den Gewebezellen die Rezeptoren für Insulin blockiert werden. Das Insulin selber kann dann nicht mehr andocken und die Glucose, das heißt der Zucker aus dem Futter, kann nicht mehr in die Zellen gelangen. Als Folge steigt der Blutzuckerspiegel während die Energie in den Zellen sinkt. Die Pferde sehen dann dick aus, obwohl jede einzelne Zelle aber eigentlich Hunger hat.

Auf längere Sicht hin wird die Durchblutung gestört – und dies betrifft im ersten Schritt besonders empfindliche Gewebe, wie die Hufe. Die Hornkapsel beispielsweise wird über winzige Blutgefäße ernährt, die leicht verstopfen können.

Auch die Leber wird durch ein Überangebot an  Kohlenhydraten überlastet. Als eigentliches Steppentier ist das  Pferd für schwer verdauliches, mageres Futter gebaut. Einen ständigen Überschuss an Energie können Pferde nicht gut verarbeiten. Ein Teil der Energie kann in Form von tierischer Stärke in der Leber eingelagert werden, sobald dieser Speicher ab voll ist – und das geht schnell – wird die Energie in Fett umgewandelt.

Zu viel Energie überfordert also lebenswichtige Organe wie Leber und Niere. Diese können ihrer Arbeit nicht mehr ordentlich nachgehen und die Giftstoffe aus  dem Körper transportieren. Deswegen werden Giftstoffe vermehrt im Gewebe eingelagert und verbleiben weiter im Körper. Darunter leider der Stoffwechsel.

Mögliche Anzeichen für eine Stoffwechselstörung sind unter anderem: Müdigkeit, stumpfes Fell, Probleme beim Fellwechseln, Scheuern (da die Haut versucht, vorhandene Giftstoffe auszuscheiden), verstopfte Talgdrüsen, verquollene und tränende Augen, angelaufene Fesseln, Kotwasser, wiederkehrende Hufgeschwüre und Mauke.

Den Ernährungszustand des Pferdes objektiv beurteilen mit dem Body Condition Score

Um den Ernährungszustand eines Pferdes objektiv beurteilen zu können, gibt es den Body Condition Score, der von Dr. Stephanie Schramme für Warmblutpferde entwickelt wurde. Hierbei werden Körperregionen bewertet, die vor allem durch eine Fettabdeckung und nicht durch Ausprägung der Muskulatur geprägt werden. Deswegen kann der BCS auch unabhängig vom Trainingszustand eines Pferdes bewertet werden. Einzig: Bei untergewichtigen Pferden sollte man berücksichtigen, dass diese auch Muskulatur abbauen, um die Energieversorgung des Körpers gewährleisten zu können.

Die einzelnen Körperstellen werden einer Skala von eins (völlig abgemagert) bis hin neun (hochgradig verfettet) zugeordnet. Folgende Körperstellen werden bewertet:

  • Schweifansatz
  • Kruppe
  • Widerrist
  • Mähnenkamm
  • Seitliche Brustwand
  • Ellenbogen

Der ideale BCS eines Pferdes liegt bei fünf. In diesem Fall hat ein Pferd eine konvexe Halsfläche, unter leichtem Druck ist die 14.-18. Rippe fühlbar, die Rippen sind nicht sichtbar, die Hüfthöcker abgerundet und die Sitzbeinhöcker fühlbar.

Ist ein Pferd hochgradig verfettet und hat einen BCS von neun, dann ist ein Kammfett am Hals von mehr als 10 cm sichtbar, es gibt ein durchgehendes Fettpolster auf dem Rücken und am Schweifansatz, die Rippen sind nicht fühlbar und die Hüfthöcker sind nur noch als Vorwölbung erkennbar.

Um den Body Condition Score deines Pferdes ermitteln zu lassen, kannst du die mobile Pferdewaage in Anspruch nehmen. Auch ich habe mein Pferd die letzten Jahre von der Pferdewaagen wiegen und den BCS ermitteln lassen. Das Gewicht allein sagt nicht viel über den Ernährungszustand deines Pferdes aus, es ist aber wichtig, damit du Wurmkuren und Medikamente richtig dosieren kannst. Deswegen empfehle ich dir, immer auch den BCS ermitteln zu lassen.

Außerdem kannst du regelmäßig den Brustumfang deines Pferdes messen um zu schauen, ob es zu- oder abnimmt.

Hilfe, mein Pferd ist zu dick – oder: so geht Pferdediät

Wenn dein Pferd bereits zu dick ist und abspecken muss, musst du darauf achten, dass dein Pferd nicht mehr Energie aufnimmt, als es auch verbraucht bzw. du solltest dafür sorgen, dass der Energiebedarf höher ist aus die Energie, die dein Pferd zu sich nimmt.

Der Energiebedarf deines Pferdes  setzt sich zusammen aus dem sogenannten Erhaltungsbedarf (das ist Grundbedarf für die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen) und dem Leistungsbedarf(das ist die Arbeit, die dein Pferd leistet, und da spielen Aspekte rein wie Trainingsdauer, Tempo und Reitergewicht).

Kurz: Erhaltungsbedarf + Leistungsbedarf = Energiebedarf

Soll dein Pferd auf Diät, musst du zwei Aspekte beachten:

  1. die Fütterung anpassen
  2. dein Pferd ausreichend bewegen

Fütterung anpassen

Wenn du nun denkst „ok, dann gibt es halt einfach eine Heumahlzeit weniger“, dann muss ich leider ganz laut STOPP sagen. Pferde sind und bleiben Dauerfresser. Bei Fresspausen von mehr als vier Stunden können Magengeschwüre entstehen und die Darmflora gerät aus dem Lot. (Darüber habe ich ausführlich in meinem  Text Fresspausen bei Pferden geschrieben.)

Stattdessen solltest du auf eine geringere Energiedichte deine Futters achten und dir einmal kritisch anschauen, was du deinem Pferd zu fressen gibst. Bekommt es nach dem Reiten immer ein Müsli, Kraftfutter oder pelletiertes Mischfutter als Belohnung? Weg damit! Besonders kritisch sollte außerdem die Gabe von Kraftfutter wie Müsli, Getreide und, und anderen Zusätzen hinterfragt werden. Meist sind diese nämlich gar nicht notwendig. Auf geeignetes Mineralfutter hingegen sollte nicht verzichtet werden.

Und wie sieht es mit dem Raufutter aus? Überständiges und spät geerntetes Heu ist deutlich energieärmer als ein früh geerntetes, blattreiches, stängelarmes Heu. Außerdem könntest du das Heu mit Stroh mischen, um die Ration energetisch zu verdünnen. (Achtung: Stroh kann Verstopfungskoliken auslösen. Deswegen sollte die maximale Menge an Stroh 1 kg pro 100 kg Körpergewicht nicht überschreiten und du musst darauf achten, dass Stroh nicht mehr als maximal ein Drittel der gesamten Raufutterportion ausmacht.)

Und du könntest das Raufutter portionieren. Dabei gilt: Die Mindestmenge an kaufähigem Raufutter sind 1,5 kg Heu je 100 kg Körpergewicht – bei Heulage musst du abhängig Trocknungsgrad zwischen zehn und 50 Prozent mehr Gewicht rechnen, weil Heulage aufgrund der Feuchtigkeit schwerer ist als Heu. Um hierbei die Fresszeiten nicht zu kurz werden zu lassen, solltest du engmaschige Heunetze verwenden. Außerdem solltest du mehrere Fütterungszeiten einplanen – beispielsweise mithilfe einer automatischen Heuraufe oder eines automatischen Weidetores (hier ist eine Bauanleitung für ein automatisches Weidetor mit Hühnerklappenöffner und Zeitschaltuhr).

Während der Weidezeit musst du außerdem die Energiedichte der Weide berücksichtigen. Hochgewachsenes, blühendes Gras enthält deutlich weniger Energie als eine kurzgefressene Wiese – auch wenn diese oft als „Diätweide“ verkauft wird.

Wir lassen unsere Pferde nur einige Stunden am Tag auf die Weide. Ich weiß aber auch, dass es Studien gibt, die nachweisen konnten, dass Pferde bei begrenztem Weidegang ihr Fressverhalten anpassen und ihre Ruhephasen auf die Futterpausen schieben. Aber:  Ist die Weidezeit begrenzt, kann mein Pferd auch nur begrenzt Gras fressen. Auch eine Fressbremse ist eine Möglichkeit, mit der du deinem dicken Pferd Weidezeit geben kannst. Und wenn dein Pferd die Fressbremse nur stundenweise für die Weidezeit trägt, finde ich es auch in Bezug auf das Sozialverhalten vertretbar.

Bewegung! Bewegung! Bewegung!

Über die Fütterungsumstellung allein wird dein dickes Pferd aber nicht schlank. Stattdessen musst du auch den Energiebedarf erhöhen. Und das heißt: Bewegung! Bewegung! Bewegung!

Aber natürlich nicht einfach irgendwie. Du musst das Training immer dem gesundheitlichen Zustand deines Pferdes anpassen und seinen aktuellen Fitnessgrad berücksichtigen. Von Null auf 100 bei einem untrainierten und adipösen Pferd ist nicht nur kontraproduktiv, sondern kann sogar zu Überlastung des empfindlichen und nicht angepassten Bewegungsapparates führen. Stattdessen solltest du die Trainingsintensität langsam und angemessen erhöhen. Es muss ja auch nicht immer geritten werden, auch mit Bodenarbeit kann man effektiv Muskeln aufbauen!

Tägliche Bewegung ist aber Pflicht, wenn dein Pferd abnehmen soll.  Wenn du dieses Pensum selbst nicht leisten kannst, dann kannst du auf eine Reitbeteiligung setzen.

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Außerdem ist es hilfreich, die Haltung deines Pferdes zu optimieren und ihm Bewegungsanreize im Alltag zu bieten. Ideen hierfür findest du in meinem eBook Pferdehaltung als Selbstversorger.

Was du AUF GAR KEINEN FALL tun solltest, das ist dein Pferd plötzlich und von heute auf morgen auf eine Radikaldiät zu setzen. Denn dann werden alle Giftstoffe, die dein Pferd im Fettgewebe eingelagert hat weil es sie nicht ausscheiden konnte, freigesetzt. Und dies stellt eine immense Herausforderung für den Stoffwechsel dar. (Was es mit dem Stoffwechsel auf sich hat und warum er eine so wichtige Rolle spielt, kannst du in meinem Beitrag Stoffwechsel bei Pferden – welche Bedeutung hat er und was passiert, wenn er aus dem Ruder gerät? nachlesen.

Dem Stoffwechsel solltest du während der Diät generell besonders gut im Auge haben. Du kannst ihn zum Beispiel mit Kräutern, Homöopathie und anderen Naturheilverfahren unterstützen – aber (und das ist wichtig) nicht irgendwie, sondern mit Sinn und Verstand und vor allem mit Unterstützung von jemandem, der sich damit auskennt.

Und ein weiterer Tipp: Manchmal gibt es im Körper eine Blockade, die das Abnehmen verhindert. Hier kann dir ein guter Osteopath helfen. Du glaubst das nicht? Dann solltest du diesen Artikel über Traumabehandlung beim Pferd lesen.

Hast auch du Probleme, weil dein Pferd zu dick ist? Oder musstest du dein Pferd womöglich schon einmal auf Diät setzen? Dann erzähl mir gern in einem Kommentar davon.

Viele Grüße

Karo von 360° Pferd

Grundlage dieses Textes sind zwei Interviews, die ich 2017 für einen Artikel zum Thema Adipositas bei Pferden, erschienen in der ReitZeit, mit Dr. Anne Mößeler und Dr. Svenja Thiede geführt habe.

Kategorien Gesundheit

über

Ich bin Karolina und seit mehr als 25 Jahren Pferdefreundin. Auf dem 360° Pferd Blogmagazin schreibe ich über Themen, die mich in meinem Alltag mit meinem Pferd beschäftigen.

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