Faszien beim Pferd

Faszien bei Pferden – Das Spinnennetz des Körpers

Vor einiger Zeit bin ich über ein Thema gestolpert, mit dem ich mich vorher noch nie beschäftigt habe: Faszien. Um meine Wissenslücken zu füllen, hab ich mich mit einer ganzen Reihe von Fragen an die Pferdeosteopathin Wiebke Heye gewandt, eine Expertin auf dem Gebiet der Faszien.

Hallo Wiebke! Erklär doch mal: Was sind Faszien und welche Aufgaben haben sie?

Wiebke Heye: Faszien sind Häute aus Bindegewebe, die den gesamten Körper wie ein Spinnennetz durchziehen. Sie sind alle miteinander verbunden und können sich bei Störungen in einem Bereich, zum Beispiel bei einer Prellung am Oberschenkel, auch weiter entfernt zeigen, beispielsweise in der Lende.

Faszien gibt es bei allen Lebewesen.

Die beiden Faszien, die beim Pferd am besten behandelt werden können, sind die oberflächliche und die tiefe Hautfaszie. Sie befinden sich direkt unter der Haut und sind daher gut zu erreichen. Weil die Faszien einen hohen Anteil an elastischen Fasern aufweisen und miteinander in Verbindung stehen, hat man über das Behandeln der Hautfaszien auch eine Fernwirkung auf tieferliegende Strukturen.

Diese Bereiche wären ohne das Fasziengewebe nur sehr schwer direkt zu erreichen.

Über die Behandlung der Hautfaszien kann man zum Beispiel Einfluss auf das Lungengewebe eines an COPD erkrankten Tieres nehmen und eine begünstigende Wirkung auf die Atmung erreichen.

Faszien
So sehen Faszien aus

Wieso sind Faszien so wichtig?

Faszien sind maßgeblich daran beteiligt, Stöße jeglicher Art abzupuffern. Außerdem sind sie dafür mitverantwortlich, dass der gesamte Organismus harmonisch funktioniert.

Faszien sind stark mit Nervenzellen versorgt und geben dem Körper wichtige Informationen über die Stellung der Gliedmaßen. Außerdem leiten sie über die Nerven Schmerzimpulse weiter.

Können Faszien durch falsches Training/Fütterung beschädigt werden?

Unbedingt JA!

Unsachgemäßes und einseitiges Training führt zum Beispiel dazu, dass Faszien einseitig belastet werden.

Das führt zu einem Ungleichgewicht in der Faszien-Spannung: Auf der einen Seite werden sie überlastet und auf der anderen Seite verkümmern sie quasi. Dadurch verlieren sie erheblich an Elastizität, was zu Problemen führen kann.

Auch bei Muskelverspannungen, z. B. durch zu hartes und/oder einseitiges Training, reagieren die Faszien. Das kann unter anderem zum Leistungsabfall führen.

Ein weiterer wichtiger Faktor in Bezug auf die Faszien ist die Fütterung. Hier ist besonders darauf zu achten, dass es nicht zu einer Übersäuerung im Körper kommt. Dies mögen Faszien überhaupt nicht und sie reagieren mit schmerzhaften Verklebungen.

Um eine Übersäuerung im Körper zu vermeiden, sollte die Kraftfutterration eines Pferdes unbedingt den Leistungsanforderungen angepasst werden. Freizeitpferde zum Beispiel brauchen normalerweise KEIN Kraftfutter, selbst wenn sie täglich ein bis zwei Stunden in durchschnittlichem Tempo im Gelände bewegt werden – natürlich gibt es hier auch Ausnahmen. Auch Silage oder Heulage sollte nach Möglichkeit nicht gefüttert werden, weil diese den Körper übersäuert.

Der Übersäuerung im Körper kann effektiv entgegenwirkt werden durch die Fütterung von gutem Heu, viel lockerer Bewegung, viel trinken und Futter wie Möhren, Äpfel, usw.

Was passiert, wenn Faszien beschädigt werden?

Zu allererst einmal kommt es zu Schmerzen, deren Ursache häufig zunächst unklar ist. Schäden in diesem Bereich sind mit bildgebenden Verfahren schlecht bis gar nicht darzustellen.

Des Weiteren ist festzustellen, dass die Bewegungsfreude abnimmt und die Bewegungen nicht mehr so geschmeidig sind. Allgemein lässt sich also sagen, dass es zu einem Leistungsabfall bis hin zur Leistungsverweigerung kommt.

Auch psychisch können solche Tiere auffällig werden: Sie wirken dann apathisch, sind in sich gekehrt oder werden aggressiv.

Welche Folgen haben beschädigte Faszien für mein Pferd?

Auf jeden Fall eine Einbuße in Sachen Lebensqualität.

Je nach Ausprägung der Schädigung sind alle denkbaren Folgen möglich. Diese können die Muskulatur, die Knochenhaut und sogar das Organsystem betreffen.

Können geschädigte Faszien wieder repariert werden?

Zum Glück in den meisten Fällen JA! Dazu gibt es spezielle Techniken, mit denen gezielt Einfluss auf dieses störungsanfällige Gewebe genommen werden kann.

Wie erkenne ich als Reiter, dass es den Faszien meines Pferdes nicht gut geht?

Hierbei sind quasi ALLE negativen Auffälligkeiten denkbar, von reiterlichen Problemen bei Stellung/Biegung/Taktfehlern/Anlehnung bis hin zu undefinierbaren Lahmheiten.

Auch organische Beschwerden, wie Husten, Kurzatmigkeit, schnelles Ermüden, häufige Koliken und anderes können sich zeigen. Sogar psychische Veränderungen sind aufgrund von geschädigten Faszien möglich, beispielsweise vermehrte Schreckhaftigkeit, Apathie und aggressives Verhalten.

Kann ich als Reiter die Faszien meines Pferdes trainieren?

Auf jeden Fall, denn Faszien sind an jeder Bewegung im Körper direkt oder indirekt beteiligt.

Um das Gewebe leistungsfähig und gesund zu erhalten, sollte das Pferd möglichst viel freie Bewegung und lockeres Training haben.

Außerdem ist sehr wichtig darauf zu achten, dass das Training abwechslungsreich gestaltet wird. Das heißt, dass zum Beispiel auch ein Dressurpferd unbedingt regelmäßig Springgymnastik machen sollte!

Hilfreich ist es, häufig auf unterschiedlichen Böden zu reiten. Das fördert die Flexibilität des Gewebes.

Auch sehr gut ist, wenn jede Gangart einzeln in verschiedenen Tempi geritten wird. Das sind harmonische Bewegungen und das lieben Faszien!

Ruckhafte Bewegungen wie scharfe Stopps, reißen am Halfter und unkontrollierte Bewegungen hingegen schaden dem Gewebe und können zu feinen Rissen führen, die für das Pferd recht schmerzhaft sein können.

Gut ist es außerdem, einfach mal vom Boden aus die Beine manuell, das heißt per Hand, zu bewegen. So hat man einen guten Einfluss auf eine gezielte sanfte Bewegung der Gelenke, ohne die Schwere des Körpers.

Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten!

Wie sieht es mit dir aus, hast du dich vorher schon einmal mit dem Thema Faszien beschäftigt und gewusst, was es damit auf sich hat? Hast du die Faszien deines Pferdes bereits behandeln lassen? Erzähl es mir.

Übrigens: Mehr Infos über Wiebke und ihre Arbeit findest du auf ihrer Internetseite www.pferdeosteopathie-heye.de.

Alles Liebe,

Karo von Pferdefreunde

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  2. Wie spannend! Ich danke euch für dieses tolle Interview. Ich hatte mich vorher auch noch nicht mit den Faszien beschäftigt und bin wirklich fasziniert davon, wie groß der Einfluss der Faszien auf die Pferdegesundheit ist. Alles Liebe, Petra

    • Hallo Petra,
      danke für dein Feedback.
      Ich finde das Thema auch richtig spannend und es war mir vorher auch gar nicht bewusst, wie groß der Einfluss der Faszien auf den Körper ist. Aber man selbst hat es ja auch immer schon mal gehabt: Man denkt es tut an einer Stelle weh und am Ende ist die Ursache an ganz anderer Stelle zu finden.
      Liebe Grüße
      Karo

  3. Jennifer

    Hallo ihr Lieben!

    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Was haltet ihr von dem Faszientraining nach Horse-Bodyforming? Bzw. als Alternative einen Tennisball, oder eine Massagerolle?
    Ich bin daran sehr interessiert, hänge aber noch an der Frage fest, ob man es vor oder nach dem Training machen sollte. Oder ob man es sogar ganz als eine Trainingseinheit für den Tag belassen sollte mit evtl. Ruhezeit (ähnlich Intervall/Equikinetic-Training)?

    Liebe Grüße

    Jenni

    • Hallo Jenni!
      Wir selbst sind ja keine Faszien-Experten – deswegen haben wir uns eine Expertin für das Interview gesucht. 🙂 Ich gebe deine Frage gerne weiter und sobald ich eine Antwort habe, werde ich sie veröffentlichen. Okay?
      Viele Grüße
      Karo

    • Hej Jenni, ich habe Wiebke Heye gefragt und sie sagt: „Ich würde Faszien vor dem Training behandeln. Also erst die Verklebung lösen und dann unbedingt möglichst direkt danach locker bewegen. Dadurch werden sie dann gleitfähiger gemacht und quasi wieder einmobilisiert.“
      LG Karo

    • Hallo Jenni :o)
      Ich würde Faszie möglichst vor dem Training behandeln. Erst entsprechende Verklebungen lösen und danach gleich mit sanftem Training weitermachen um das vorbehandelte Gewebe weiter zu mobilisieren.
      Je nach dem, wo die Faszie betroffen sind bietet es sich auch an manuell durch zu bewegen. Vorderbein, Hinterbein, Rücken, Hals. Dabei ist es gut wenn man kombinierte Bewegungen macht. Z. B. Beugung mit gleichzeitiger Rotation usw.
      An sonsten wäre ein Spaziergang, oder Bodenarbeit super. Die Faszien direkt würde ich nur alle 2-3 Tage behandeln (wenn nötig).
      LG
      Wiebke

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