Das propriozeptive System beim Pferd: Eigenwahrnehmung und Tiefensensibilität

Das propriozeptive System beim Pferd die Wahrnehmung der Tiefensensibilität

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Das propriozeptive System beim Pferd ist der Sinn, der für die Eigenwahrnehmung und Tiefenwahrnehmung zuständig ist und eine wichtige Rolle in Bezug auf die Körperwahrnehmung deines Pferdes spielt. In diesem Beitrag möchte ich dir mir über diesen Sinn erzählen, der nicht selten als 6. Sinn bezeichnet wird.

Das propriozeptive System ist, ebenso wie das taktile System (Wahrnehmung der Oberflächensensibilität) und das vestibuläre System (Gleichgewichtswahrnehmung), ein Sinnessystem, das zu den sogenannten drei Basissinnen zählt. Basissinn heißen sie, weil sie sich pränatal entwickeln und quasi die Grundlage dafür bilden, dass die Wahrnehmungsverarbeitung der Informationen aller Sinne (dazu gehören auch das Sehen, Hören, Riechen und Schmecken) gut funktioniert.

Propriozeption: proprius (eigen) + recipere (aufnehmen)

Der Begriff Propriozeption – oder auch Propriorezeption – kommt vom lateinischen proprius (eigen) und recipere (aufnehmen). Er beschreibt das Wahrnehmen von Reizen die aus dem Körperinneren kommen und stellt damit die Eigenwahrnehmung bzw. Tiefenwahrnehmung dar.

Die Sinneszellen, die diese körpereigenen Reize wahrnehmen, werden Propriozeptoren genannt. Du findest sie in den Gelenken, Sehnen und Muskeln und sie registrieren beispielsweise die Muskellänge und den Muskeltonus. Anhand dieser Informationen können sie das Gehirn über Körperbewegung und Körperlage im Raum und den IST-Zustand (Position und Aktivität) von Muskeln, Sehnen und Gelenken informieren.

Neben den reinen Propriozeptoren, die zur Gruppe der Mechanorezeptoren (Nervenzellen, die auf mechanische Reize reagieren), gehören, gibt es noch weitere Mechanorezeptoren, die Reize aus dem Inneren des Körpers wahrnehmen. Diese lassen sich aber noch in anderen Bereichen des Körpers finden und werden daher nicht ausschließlich den Propriozeptoren zugeordnet.

Mithilfe der Propriozeptoren sind Pferde, ebenso wie wir Menschen, in der Lage, jederzeit die Stellung und die Bewegung einzelner Körperteile zu erfassen – auch mit geschlossenen Augen. Sie helfen dabei, die Kraft zu dosieren, mit der die jeweiligen Extremitäten bewegt werden. Das heißt: Heben wir eine mit Wasser gefüllte Plastikflasche hoch, ist unsere Muskelkraft eine andere als wenn wir eine leere Plastikflasche hochheben. Nimmt ein Pferd ein Leckerli aus der Hand, wird es dies mit mehr Vorsicht tun als wenn es mit dem Herdenkumpel Fellpflege betreibt.

Propriozeptive Reize werden mit Reflexen beantwortet

Die Reize, die von den Propriozeptoren wahrgenommen und weitergeleitet werden, gehen ans Rückenmark und werden dort zum Teil bereits verarbeitet. Auf diese Weise kommt es zu einem Informationsaustausch auf Rückenmarksebene, was die Koordination einfacher Bewegungen ermöglicht. So eine Bewegung kann zum Beispiel die reflektorische Stabilisierung eines Gelenks sein, ehe die Instabilität des Gelenks bewusst wahrgenommen wird.

Die Informationen werden zusätzlich ans Gehirn geleitet.

Rückenmark und Gehirn stellen das Zentrale Nervensystem dar. Dieses verarbeitet, speichert und bewertet die eingehenden Informationen und sendet anschließend entsprechende Befehle an z.B. die Muskeln, die daraufhin reagieren. Daraus entsteht eine Bewegung, die erneut von den Propriozeptoren wahrgenommen gibt. So entsteht ein Wahrnehmungskreislauf.

Alles über das propriozeptive System des Pferdes
Alles über das propriozeptive System des Pferdes

Eine gute propriozeptive Wahrnehmung sorgt für eine sichere Bewegung

Die Information der Gelenkposition ist maßgeblich für den Beginn einer Bewegung. Und auch für die ständige Positionskontrolle und -korrektur während der Bewegung sind die Informationen der Propriozeptoren relevant.

In den Muskeln lassen sich zwei Arten von Propriozeptoren finden: die sogenannten Golgi-Sehnenrezeptoren und die Muskelspindeln.

Die Golgi-Sehnenrezeptoren informieren das Zentrale Gehirn darüber, wie schwer ein Muskel arbeitet. Sie registrieren nämlich den Zug der Sehne, der bei der Kontraktion eines Muskels entsteht. Registrieren die Nerven beispielsweise eine Überbelastung, wird der Antagonist aktiviert, um einer Schädigung vorzubeugen.

Die Muskelspindeln informieren das Gehirn über die Länge des Muskels. Wird ein Muskel gestreckt und gibt es die Gefahr einer Verletzung, erfolgt über Reflexe ein sofortiges Zusammenziehen, um einen Muskelfaserriss zu verhindern.

Hier siehst du, wie wichtig eine adäquate Wahrnehmungsverarbeitung im propriozeptiven System als Gesundheitsprophylaxe für dein Pferd ist. Verletzungen des Bewegungsapparates (Sehnenschäden, Bänderprobleme und eine gestörte Gelenkbewegung, wie sie beispielsweise bei Arthrosen und Spat auftritt) führen immer auch zu einer veränderten Wahrnehmung bzw. zu Problemen in der Bewegung (bspw. der Bewegungskontrolle).

Das propriozeptive System ist wichtig für eine gute Körperwahrnehmung

Das propriozeptive System spielt damit eine entscheidende Rolle in Bezug auf die Körperwahrnehmung und die Bewegung des Pferdes und es ist wichtig, dass dieser Basissinn adäquat funktioniert.

Wenn du beispielsweise dein Pferd nach einer verletzungsbedingten Stehpause wieder antrainierst, solltest du zuallererst die Propriozeptoren ansprechen, damit das Zusammenspiel der einzelnen Muskeln gut funktioniert und die Gelenkstabilität gewährleistet wird. Werden die Propriozeptoren nämlich nicht genutzt, fallen sie eine Art Dornröschenschlaf und müssen durch Propriozeptives Training wieder aufgeweckt werden.

Probleme mit der Wahrnehmung im propriozeptiven System

Wenig abwechslungsreiches Training auf der Ovalbahn und in der Reithalle lässt die Nervenbahnen verkümmern. Gleiches gilt für Bewegungsmangel, der unter den Pferden mittlerweile ziemlich weit verbreitet ist: Viele Pferde stehen in einer Box oder auf einem kleinen Paddock und haben nur wenige bis gar keine Bewegungsanreize. Ein kreativ gestalteter Paddock dagegen ist eine super Schulung für das propriozeptive System.

Außerdem können die Sensoren und Rezeptoren durch ein Trauma oder Verletzungen gestört werden und so zu einem Problem im propriozeptiven System führen.

Funktioniert das propriozeptive System nicht mehr adäquat, hat das Pferd sehr häufig keine gute Körperwahrnehmung mehr. Es stolpert vermehrt, schlurft mit den Beinen, kann den Takt nicht halten oder hat Probleme mit der Balance. Auch sind Pferde mit schlechter Eigenwahrnehmung schreckhafter – logisch, wenn das Fluchttier ein Körperklaus ist, ist die Gefahr gefressen zu werden, recht groß.

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Propriozeptives Training mit Pferd

Doch die Propriozeptoren können trainiert werden. Denn je häufiger eine Nervenbahn stimuliert wird, desto besser klappt die Reizübertragung und desto besser wird das eigene Körpergefühl. Und je besser das eigene Körpergefühl ist, desto besser werden auch das Gleichgewicht, die Trittsicherheit und die koordinativen Fähigkeiten und desto natürlicher und leichter wird der Bewegungsablauf. Ängstliche und schreckhafte Pferde können durch eine bessere Selbstwahrnehmung ruhiger und gelassener werden, Pferde die nach einem Unfall oder einer Lahmheit Kompensationsmechanismen entwickelt haben, können ihr ursprüngliches, physiologisches Bewegungsmuster zurückerlangen.

Außerdem, das habe ich oben schon erwähnt, ist propriozeptives Pferdetraining eine echte Gesundheitsprophylaxe und kann dir dabei helfen, viele Verletzungen vorbeugen. Und auch hypermobile Pferde, bei denen die Propriozeption nicht ganz optimal funktioniert, sollten mit Augenmerkt auf die Eigenwahrnehmung trainiert werden. Warum hypermobile Pferde vom propriozeptiven Training profitieren, liest du hier. Hier liest du mehr über den Sinn und Nutzen von propriozeptivem Pferdetraining und die Frage, für welche Pferde es geeignet ist.

Sämtliche Reize, die dein Pferd nicht alltäglich wahrnimmt und die dafür sorgen, dass die gewohnten Bewegungsmuster unterbrochen werden, verbessern die Propriozeption. Deswegen spielt bei meiner Arbeit mit Pferden das sensomotorische Training eine so wichtige Rolle!

Mit Balance Pads und instabilen Untergründen die Propriozeption ansprechen

Unbekannte Reize können verschiedene Untergründe wie Balance Pads oder Plufsig sein. Diese bieten deinem Pferd einen instabilen Untergrund und sprechen damit sehr gut das propriozeptive System an.

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Doch nur weil du auf Instagram zahlreiche Pferde siehst, die auf Balance Pads stehen, heißt das nicht, dass man diese einfach so in sein Training einbinden sollte. Nicht ohne Grund sind sie ein Therapiemittel, beispielsweise bei körperlichen Einschränken, und du solltest dich vorab mit dem Therapeuten/Tierarzt deines Vertrauens kurzschließen. Denn Ehrgeiz ist hier völlig fehl am Platz, insbesondere was die Dauer anbelangt. Es ist immer wichtig, auf das Pferd zu achten, fühlt es sich (noch) wohl oder ist es ihm vielleicht unangenehm auf einem instabilen Untergrund zu stehen? Unterschätze bitte auch niemals, wie anstrengend es für dein Pferd sein kann, darauf zu stehen.

Balance Pads zur Stimulierung des propriozeptiven System
Balance Pads zur Stimulierung des propriozeptiven Systems

Auch ist das Training mit Balance Pads nicht für jedes Pferd uneingeschränkt zu empfehlen und insbesondere bei akuten Verletzungen, nach Operationen oder bei akuten Entzündungsprozessen solltest du unbedingt die Finger davon lassen.

Wenn du mehr über das Training mit Balance Pads erfahren möchtest, solltest du hier weiterlesen. Außerdem wurde ich zu diesem Thema im Podcast von Pferdegewieher interviewt. Das Interview kannst du hier hören.

Einen ähnlichen Effekt wie die Balance Pads hat übrigens auch die grüne Turnmatte. Auch sie bietet deinem Pferd einen instabilen Untergrund und damit Input für sein propriozeptives System.

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Darüber hinaus kannst du kreativ vom Boden aus mit Stangen arbeiten, ein Körperband, Podeste, Pferdewippen und vieles mehr nutzen, um das Körpergefühl, die Bewegungsstabilität und die Bewegungsökonomie deines Pferdes zu verbessern.

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Propriozeptives Training im eigenen Stall

Du hast Lust auf propriozeptives Training mit deinem Pferd oder denkst, dass das propriozeptive System und die Körperwahrnehmung deines Pferdes verbessert werden könnte? Vielleicht wäre dann ein Tageskurs etwas für dich, für den ich gerne auch an deinen Stall komme. Schick mir einfach eine E-Mail.

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