Warum es keine Frage der Erziehung ist, wenn dein Pferd Probleme beim Hufegeben hat

Warum es keine Frage der Erziehung ist wenn das Pferd Probleme beim Hufe geben hat

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Kennst du das auch? Du möchtest Hufe auskratzen und dein Pferd zieht stĂ€ndig seine Hufe weg und hampelt rum? Und allein der Gedanke an den nĂ€chsten Termin mit deinem Hufpfleger oder Hufschmied stresst dich, weil du dir immer wieder anhören musst, du hĂ€ttest ein „unerzogenes und freches Pferd“, dass mal eine „ordentliche Erziehung“ braucht?

Dann lass dir sagen: In den allermeisten FĂ€llen hat es NICHTS mit der Erziehung und dem Gehorsam eines Pferdes zu tun, wenn es Probleme hat, seine Hufe zu geben. Es hat in der Regel mit fehlender Balance und/oder den vibrierenden Reizen der Hufraspel zu tun. (NatĂŒrlich wird es auch in einigen FĂ€llen ein wenig Erziehung sein, doch in den allermeisten FĂ€llen ist es das eben nicht.)

Vorab: Wenn dein Pferd seine Hufe nicht geben möchte, können selbstverstÀndlich auch Schmerzen dahinter stecken. Ich gehe in diesem Fall aber einfach mal davon aus, dass du erkennst, ob dein Pferd Schmerzen hat oder nicht.

FingernĂ€gelfeilen – top oder flop?

Allein der Gedanke an eine Nagelfeile sorgt bei mir fĂŒr GĂ€nsehaut. Wie geht es dir? Benutzt du eine Nagelfeile?

Wenn wir unsere NĂ€gel feilen – oder unseren Pferden die Hufe raspeln – entsteht ein diffuser Reiz. Es vibriert. Und nicht jeder kann mit diesen Reizen gut umgehen.

Vibration wird von den sogenannten Mechanorezeptoren wahrgenommen. Hierbei handelt es sich um Sinneszellen des taktilen Systems, dem sogenannten Tastsinn deines Pferdes (darĂŒber habe ich hier ausfĂŒhrlich berichtet). Diese Sinneszellen befinden sich im gesamten Körper deines Pferdes, in seinen Faszien, in den Muskeln und sogar in den Gelenken.

Und nicht jedes Pferd (oder jeder Mensch, wie du an mir siehst) kann mit diesen Reizen gut umgehen, manch einer reagiert stark ĂŒberempfindlich.

Es kann also gut sein, dass dein Pferd ein Problem mit der Vibration hat, die beim Raspeln seiner Hufe entsteht. Und immer, wenn der Hufbearbeiter kommt, wird es dafĂŒr bestraft, dass es dir zeigt, wie schwer es ihm fĂ€llt diese Reize auszuhalten.

Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass das eine ziemlich stressige und unangenehme Situation fĂŒr dein Pferd ist, oder?

Und noch mehr: Dein Pferd lernt, dass es bestraft wird, wenn es zeigt, dass ihm etwas unangenehm ist. Das kann im schlimmsten dazu fĂŒhren, dass dein Pferd sich nicht mehr traut irgendeine Reaktion zu zeigen und einfach aufgibt. Das nennt sich erlernte Hilflosigkeit. Oder dein Pferd beginnt sich ernsthaft zu wehren. Es fĂ€ngt an zu steigen, es schlĂ€gt aus, es beißt. Auch dieses Verhalten ist normal, denn dein Pferd versucht, sich zu schĂŒtzen.

Du musst immer daran denken: Dein Pferd ist ein Fluchttier. Wenn es sich in einer ihm gefĂ€hrlich erscheinenden Situation befindet, wĂŒrde es normalerweise die Flucht antreten. Kann es dies aber nicht, weil es zum Beispiel angebunden ist und festgehalten wird, muss es sein Leben anders schĂŒtzen. Es geht in den Kampfmodus ĂŒber.

Das Verhalten ist nicht böse gemeint, es ist einfach ein Instinktverhalten deines Pferdes, das es nicht steuern kann.

Dein Pferd gibt seine Hufe nicht? Probleme beim Hufemachen sind hÀufig ein Problem von Gleichgewicht und Balance

Ein noch sehr viel hĂ€ufiger zu beobachtender Grund, warum ein Pferd sich beim Schmied „nicht benimmt“, hat mit der Balance zu tun.

Die BalancefĂ€higkeit gehört zu den koordinativen FĂ€higkeiten (ĂŒber die ich hier bereits geschrieben habe). Und damit du nachempfinden kannst, warum ich absolut ĂŒberzeugt bin, dass den allermeisten Pferden unrecht getan wird, wenn sie fĂŒr das „Rumhampeln“ beim Schmied bestraft werden, solltest du das, was ich im Folgenden schreibe, ruhig einmal als Selbsterfahrung ausprobieren. Denn das hilft in der Regel, mehr VerstĂ€ndnis fĂŒr das Verhalten des Pferdes zu erlangen.

Wir Menschen stehen auf zwei FĂŒĂŸen. Pferde auf vier Hufen. Verbindest du Hufe mit einer imaginĂ€ren Linie, erhĂ€ltst du ein Rechteck. Das ist die sogenannte UnterstĂŒtzungsflĂ€che.

Vergleichst du die UnterstĂŒtzungsflĂ€che deines Pferdes mit deiner eigenen, siehst du, dass deine eigene viel kleiner ist. Damit steht ein Pferd vermeintlich stabiler als wir.

Wenn der Schwerpunkt des Körpers und die UnterstĂŒtzungsflĂ€che senkrecht ĂŒbereinander ausgerichtet sind, ist der Körper im Gleichgewicht.

Schaust du dir dein Pferd von der Seite an, dann siehst du, dass Hals und Kopf ĂŒber diese FlĂ€che hinausragen. Somit ist auch klar, warum das meiste Gewicht auf der Vorhand liegt und ein Pferd trotz seiner vier Beine leicht aus dem Gleichgewicht kommt.

(Tipp: DarĂŒber lernst du mehr in meinem Onlinekurs „Mehr Balance mit kreativer Bodenarbeit“)

So weit, so gut.

Nun stell dich einmal hin und heb ein Bein in die Luft. Was passiert mit dir?

Deine UnterstĂŒtzungsflĂ€che wird kleiner und du musst dich gut ausbalancieren, um das Gleichgewicht zu halten. Dabei merkst du bestimmt, dass deine Muskeln ziemlich viel arbeiten, oder?

Und genau so geht es auch deinem Pferd! Hebt es einen Huf, verĂ€ndert sich seine UnterstĂŒtzungsflĂ€che und es muss sich gut stabilisieren können, um in Balance zu bleiben.

Wird dann auch noch am hochgenommenen Bein gezogen, wird mit dem Oberkörper gegen das Pferd gedrĂŒckt oder wird einfach nur der Huf bewegt, dann bringt diese Bewegung dein Pferd immer wieder aus der Balance und dein Pferd muss sich stetig neu ausbalancieren.

Das ist anstrengend und ganz schön schwer!

Mach auch hier gern den Selbsttest: Stell dich auf ein Bein und bitte jemanden, dein anderes Bein zu putzen oder „zu beschlagen“. Ich wette, dass du ganz schön zu tun haben wirst, um dich auszubalancieren und dass deine Rumpfmuskulatur ordentlich zu tun haben wird. Oder?

Ich glaube du merkst, worauf ich hinauswill.

Wenn dein Pferd also „rumhampelt“, seinen Huf immer wieder wegzieht oder sich mit seinem ganzen Gewicht auf dich stĂŒtzt, dann liegt es nicht daran, dass es „frech“ oder „unerzogen“ ist, sondern einfach, dass es nicht in der Lage ist sich ausreichend auszubalancieren.

Glaub mir, das ist nicht nur fĂŒr dich nicht schön. Auch dein Pferd wird in dem Moment sicherlich Stress empfinden. Und zwar sehr viel Stress, immerhin ist es als Fluchttier auf sein Gleichgewicht angewiesen. Und mal ehrlich: FĂŒhlst du dich wohl, wenn du unsicher und instabil stehst?

Wird das Pferd in dieser Situation, die eh schon stressig genug ist, auch noch bestraft, entwickelt sich schnell eine Spirale hin zu Panik. Und das Pferd wird immer weniger bereit sein, seine Hufe zu geben.

Balanceprobleme zeigen sich nicht nur beim Hufegeben, sondern auch beim Reiten

HĂ€ufig zeigt sich das Problem der mangelnden Balance auch nicht nur beim Hufemachen. Pferde, die unausbalanciert sind, haben oft Probleme beim Laufen an der Longe, beim Reiten von Zirkel und Volte, sie können den Takt schlecht halten, stolpern, usw. Sie haben einfach ein schlechtes KörpergefĂŒhl und in den allermeisten FĂ€llen auch eine schlechte RumpfstabilitĂ€t, also eine schlechte Bauch- und RĂŒckenmuskulatur. Übrigens: Wie wichtig ein gutes KörpergefĂŒhl ist, habe ich dir hier ausfĂŒhrlich erklĂ€rt. Aber ein Hinweis an dieser Stelle: KörpergefĂŒhl hat nicht allein etwas mit der RumpfstabilitĂ€t und der Balance deines Pferdes zu tun. Da gehört natĂŒrlich noch viel mehr zu.

Lesetipp: Mein Pferd rennt unter dem Reiter weg: Was kann ich tun?

Wie kann ich meinem Pferd helfen, dass das Hufegeben besser klappt?

Um einen konkreten Hinweis geben zu können, ist wichtig zu wissen, wo das Problem liegt. Hier kann ich dir als Pferdeergotherapeutin vor Ort sehr viel besser helfen (vereinbare einfach einen Termin). Wenn du nicht aus meiner NĂ€he kommst, findest du hier eine Übersicht ĂŒber alle zertifizierten Pferdeergotherapeuten.

Probleme bei der Reizverarbeitung im taktilen System: das Raspeln ist unangenehm

Hat dein Pferd Probleme mit der Verarbeitung der diffusen Reize (Stichwort: Nagelpfeile), kann es helfen, mit verschiedenen Reizen oder einer ReizĂŒberlagerung zu arbeiten (dies habe ich ĂŒbrigens auch bei meinem eigenen Pferd getan, das Probleme beim EinsprĂŒhen hat – auch hier werden diffuse Reize wahrgenommen. Über meine Vorgehensweise habe ich hier berichtet).

Da die unterschiedlichen Reize von verschiedenen Sensoren und Rezeptoren wahrgenommen werden, ist auch hier eine allgemeine Empfehlung schwierig zu geben und muss individuell vor Ort betrachtet werden.

Balanceprobleme verursachen Schwierigkeiten beim Hufegeben

Meine Erfahrung zeigt, dass bei fehlender Balance die Arbeit mit instabilen UntergrĂŒnden wie Balance Pads oder Gymnastikmatten sehr gut helfen kann.

Pferdetraining mit Balance Pads zur Verbesserung der Körperwahrnehmung
Balance Pads zur Stimulierung des propriozeptiven Systems

Durch die permanente Destabilisierung muss dein Pferd sich immer wieder neu ausbalancieren, um sein Gleichgewicht zu halten. Dabei wird der Rumpf gestĂ€rkt und Gleichgewicht und Balance trainiert. Dies ist insbesondere fĂŒr ungeĂŒbte Pferde am Anfang wirklich schwer. (Hier findest du weitere Infos zum Training mit Balance Pads) Neben dem reinen Stehen auf den wackeligen Pads, können auch verschiedene Übungen, beispielsweise eine VerĂ€nderung der UnterstĂŒtzungsflĂ€che, genutzt werden.

Tipp: Trainingsideen und Infos zur Wirkung findest du in meinem Onlinekurs Pferdetraining mit instabilen UntergrĂŒnden.

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Sensomotoriktraining, das von deinem Pferd Koordinationsgeschick und Balance erfordern – zum Beispiel die Arbeit mit Stangen –, können am Ende dabei helfen, dass dein Pferd stabiler wird und ihm das Hufegeben weniger schwer fĂ€llt. Auch isometrische Übungen können helfen, weil sie fĂŒr mehr StabilitĂ€t im Pferdekörper sorgen.

Um das stressige Thema in etwas angenehmeres zu verwandeln, kann es außerdem helfen, wenn du dein Pferd mit positiver VerstĂ€rkung unterstĂŒtzt und zum Beispiel das Medical Training nutzt. Nina Steigerwald bietet dazu einen kostenlosen EinfĂŒhrungskurs* sowie eine Webinarreihe mit dem Titel Hufe beim Medical Training*, die ich dir empfehlen kann.

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