Der falsche Knick beim Pferd Ursache und Lösung

Der falsche Knick beim Pferd: Ursache und Lösung

Das Genick des Pferdes sollte stets der höchste Punkt sein – was sich so selbstverständlich anhört, ist leider nicht selbstverständlich. Sehr oft sehe ich Pferde, deren höchster Punkt die Mitte des Halses ist und die einen sogenannten falschen Knick haben. Warum das Genick beim Reiten der höchste Punkt sein soll und woran es liegen kann, dass es nicht so ist, erfährst du in diesem Beitrag.

Wie entsteht der falsche Knick?

Der sogenannte falsche Knick ist in den allermeisten Fällen ein Trainingsfehler. Die Pferde bei denen nicht das Genick der höchste Punkt ist, sondern eher die Mitte des Halses, gehen nicht in reeller Anlehnung. Ihre Stirn-Nasen-Linie befindet sich hinter der Senkrechten und sie verkriechen sich hinter dem Zügel und gehen somit zu eng. Oder sie spannen ihre eigentlich tragenden Muskeln zu sehr an, weil sie sich gegen die (meist harte) Reiterhand wehren.

Bei diesen Pferden trägt weniger die Muskulatur der Oberlinie, wie es eigentlich sein sollte, sondern eher die Unterhalsmuskulatur. Und als Folge kippt der Kopf im Bereich des 2./3. Halswirbels ab. Der positive Spannungsbogen von der Hinterhand über den Rücken bis zum Genick ist nicht vorhanden.

Nicht immer ist aber der Reiter allein schuld. Pferde, die muskulär (noch) nicht so weit sind, mit Reitergewicht in korrekter Anlehnung zu gehen, verkriechen sich auch leicht hinter dem Zügel. So war es beispielsweise auch bei meinem Pferd, als es noch jung war. Und ich bin ganz ehrlich zu dir: Damals war ich mit der Situation ein wenig überfordert. Ich wusste nicht, wie ich mein Pferd aus dieser selbst eingenommenen Haltung „befreien kann. Ich steckte fest in der Angst vor den Zügel, denn ich dachte, ich reite mit so harter Hand, dass mein Pferd sich wegen mir immer einrollt. Ich mochte gar keine Anlehnung mehr erarbeiten.

Hilfe bekam ich durch meine damalige Trainerin: Sie war und ist eine große Befürworterin der Dehnungshaltung und hat uns nicht nur einen wunderbaren Lösungsweg gezeigt, sondern auch meine Arbeit mit den Pferden nachhaltig geprägt.

So entsteht der falsche Knick beim Pferd

Warum ist der falsche Knick so schädlich?

Der falsche Knick führt dazu, dass

  • 👉 die Unterhalsmuskulatur zu fest wird, da sie sehr viel Tragearbeit leisten muss, was eigentlich die Oberlinie übernehmen sollte
  • 👉 der Rücken fest wird
  • 👉 dein Pferd sein Becken nicht abkippen und mit der Hinterhand aktiv unter den Schwerpunkt treten kann
  • 👉 dein Pferd kann somit nicht über den Rücken gehen
  • 👉 und dein Pferd kommt auf die Vorhand
Pferd mit falschem Knick auf der Vorhand
Bei diesem Pferd siehst du sehr schön, wie der falsche Knick wirkt: Die Muskeln sind fest, das Pferd kann mit der HInterhand nicht optimal unter den Schwerpunkt fußen und sein Becken abkippen. Es läuft deutlich auf der Vorhand. Bildquelle: Pixabay (ceskyfreund36)

Häufig haben Pferde, die mit falschem Knick geritten werden, an der Knickstelle mehr oder weniger starke Muskelverspannungen, die du beim Abstreichen mit der Hand und bei der Pferdemassage deutlich spüren kannst.

Der Einfluss des Genicks auf die Balance deines Pferdes

Nicht nur die Vorhandlastigkeit hat Einfluss auf die Balance deines Pferdes (denn immerhin lastet bereits ohne Reiter etwas 60% des Gewichtes auf der Vorhand), sondern auch die überspannte Genickmuskulatur.

Geht dein Pferd ständig mit der Stirn-Nasen-Linie hinter der Senkrechten, überdehnen die Muskeln im Genick. In den kurzen Nackenmuskeln befinden sich sehr viele Propriozeptoren, also sensorische Nervenzellen, die das Gehirn deines Pferdes über den IST-Zustand von Muskeln und somit über die Gelenkstellung die Lage des Körpers im Raum informiert. Die Propriozeptoren sind unter anderem für die Koordination und Balance deines Pferdes zuständig. (👉 Mehr zu diesem Thema liest du in meinem Beitrag „Das propriozeptives System beim Pferdes„.) Sind die Muskeln überdehnt, können Balanceprobleme entstehen.

Kopf-Hals-Haltung: So sollte es eigentlich sein

Das Idealbild sieht so aus: Das Pferd tritt mit der Hinterhand aktiv unter den Schwerpunkt, kippt dabei sein Becken ab und wölbt den Rücken auf. Die Stirn-Nasen-Linie befindet sich dabei vor der Senkrechten, das Genick wird zum höchsten Punkt. Die Unterhalsmuskualtur ist entspannt, die Oberhalsmuskulatur trägt.

Das Genick des Pferdes als höchster Punkt
Hier ist das Genick der höchste Punkt und die Stirn-Nasen-Linie befindet sich vor der Senkrechten.

Diese Haltung ist natürlich anstrengend und erfordert starke Muskeln. Deswegen verkriechen sich viele Pferde hinter dem Zügel, wenn ihnen die Kraft fehlt. Bei meinem Sleipi sehe ich dieses Phänomen manchmal in der Freiarbeit, wenn er viel Spannung mitbringt und eine echte Powerbewegung zeigt.

Hier mein Tipp, immer nur kurze, dafür aber gute Sequenzen fordern und dazwischen immer wieder bewusst Pausen zum Entspannen geben.

Falscher Knick beim Pferd bei der Freiarbeit
Auf diesem Bild siehst du mein Pferd mit falschem Knick. Dieser Knick ist nicht handgemacht, denn er entstand in der intrinzeninspirierten Freiarbeit, bei der ich die Bewegungsvorschläge, die mir mein Pferd zeigt, positiv verstärke. Hier ist deutlich zu erkennen, dass nicht die Oberlinie trägt, sondern die untere Halsmuskulatur und der Hals deswegen oben abnkickt.

Den falschen Knick wegtrainieren: So kann es klappen

Wenn du mich jetzt fragst, wie du den falschen Knick bei deinem Pferd wegtrainieren kannst, kann ich leider nur sagen: Eine Ferndiagnose ist schwierig. Schließlich müssen in erster Linie die Ursachen abgestellt werden.

Ist es eine reiterliche Sache, kann ich dir dringend raten einen Trainer zu suchen, der dir dabei hilft, feiner zu reiten. Du musst lernen, dein Pferd über den Rücken zu reiten (hier liest du, worauf es dabei ankommt).

Ich an deiner Stelle würde das Bewegungsmuster deines Pferdes vom Boden aus „umprogrammieren“. Wenn du reiten willst, geh ausreiten und lass dein Pferd ordentlich und fleißig laufen. Die anderen Tage arbeitest du zunächst vom Boden und zeigst deinem Pferd den Weg vorwärts/abwärts. Es muss lernen, seine Oberlinie zu dehnen. Das heißt, du darfst es zunächst ruhig Trüffelschwein spielen lassen, du solltest aber zusehen, dass du die Hinterhand dabei aktivierst.

Meinen Schülern sage ich immer: Alles, was du vorne verlängerst, musst du hinten nachtreiben. Auf diese Weise wird dein Pferd nach und nach lernen sich immer länger selbst zu tragen – und zwar mit der Oberlinie und nicht mit dem Unterhals.

Hier sind 5 Übungsideen, die dir dabei helfen könnten, indem du sie abwechslungsreich in dein Training integrierst:

  1. Übergänge (innerhalb einer Gangart bzw. zwischen zwei Gangarten)
  2. Schaukeln (rückwärts, vorwärts, rückwärts, vorwärts)
  3. Stangentraining
  4. Training mit der Pferdewippe
  5. Instabile Untergründe wie die Plufsigmatte oder Balance Pads zur Stärkung der Haltemuskeln (Tiefenmuskulatur)

Wenn du weitere Tipps und Inspirationen brauchst, findest du sie vielleicht in einem meiner eBooks oder Onlinekurse:

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.