Die Schmerzwahrnehmung: So beeinflussen Schmerzen das Körpergefühl deines Pferdes

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Im Humanbereich ist Schmerz definiert als ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebeschädigung verknüpft ist. Dies lässt sich auf Pferde nicht anwenden, weil wir nicht mit Pferden sprechen und sie nach ihren Schmerzen fragen könnten – auch wenn das sehr schön wäre. Wie Schmerz wahrgenommen wird und welche Folgen Schmerz mit sich bringt, verrate ich dir jetzt.

Tipp: Du hast keine Lust auf Lesen? Lass dir den Text von mir vorlesen:

Auch wenn wir nicht wissen, wie sich Schmerzen für Pferde anfühlen, sind Schmerzreize beim Pferd, genau wie bei uns Menschen auch, Reize, die gewebeschädigend sein können. Sie stellen eine Art Frühwarnsystem dar: Nozizeptoren nehmen einen Schmerzreiz wahr und über Reflexaktivierung wird ein motorischer Output erzeugt, damit der Körper dem Schmerz entgehen kann.

Das Wahrnehmen, Weiterleiten und Verarbeiten von Schmerzreizen im Nervensystem heißt Nozizeption. Nozizeption ist somit der Schmerzsinn.

Nozizeptoren sind freie Nervenenden, die sich in so ziemlich jedem Körpergewebe befinden. Dabei gibt es mehr Nozizeptoren als andere Rezeptoren und daran erkennst du, wie wichtig die Schmerzwahrnehmung ist. Die höchste Dichte an Nozizeptoren gibt es übrigens in der Haut. Lediglich im Zentralen Nervensystem und in einzelnen Organen sind sie nicht vorhanden.

Nozizeptoren reagieren auf mechanische, chemische und thermische Reize. Beispiele hierfür sind unter anderem: Nadelstiche, Quetschungen der Haut oder eine Überdehnung des Gelenks (mechanische Noxen), Hitze und Kälte (thermische Noxen) oder Säuren bzw. chemische Stoffe, die bei Entzündungen entstehen (chemische Noxen).

Der wahrgenommene Reiz wird ans Rückenmark und von dort zum Gehirn geleitet. Im Rückenmark werden Reflexe und damit eine motorische Reaktion ausgelöst. Doch erst im Gehirn wird der Schmerz bewusst gemacht.

Reaktion auf einen Schmerzreiz

Die Antwort auf einen Schmerzreiz umfasst in der Regel zwei Komponenten: es kommt zu einer motorischen Reaktion und zu einer vegetativen Reaktion – wobei diese natürlich auch mit Motorik einhergeht. Die vegetative Reaktion kann zum Beispiel sein, dass die Durchblutung umverteilt wird, dass das Herzzeitvolumen erhöht oder das Nebennierenmark aktiviert wird.

Im Rahmen der motorischen Reaktionen werden auf einen noxischen Reiz hin Reflexe aktiviert, um den Bewegungsablauf zu ändern und eine drohende Gewebeschädigung zu verhindern.

Du kennst das von der heißen Herdplatte: Du ziehst die Hand weg, wenn du versehentlich an die heiße Platte kommst, und lässt sie nicht drauf liegen. Hier gibt es eine motorische Reaktion auf den thermischen Schmerzreiz: den Wegziehreflex. Gleiches kannst du bei deinem Pferd beobachten. Tritt beispielsweise dein Barhufpferd auf einen spitzen Stein und zieht daraufhin seinen Huf weg, reagiert der Körper ebenfalls mit einem solchen Wegziehreflex.

Die Reflexe finden unbewusst statt und werden auf Rückenmarksebene erzeugt. So wird eine unmittelbare Reaktion verursacht. Der nozizeptive Reiz wird aber trotzdem noch ans Gehirn weitergeleitet, wo er verarbeitet und bewusst gemacht wird.

Schmerz entsteht im Gehirn

Schmerz entsteht erst, wenn die nozizeptiven Informationen im Gehirn angekommen und verarbeitet sind. Dies ist der Grund, warum Schmerzwahrnehmung immer individuell ist und der eine Mensch schmerzempfindlicher ist als ein anderer. Das limbische System im Gehirn ist zuständig für die emotionale Schmerzbewertung (und darüber hinaus an der Verarbeitung, Entstehung und Steuerung von Gefühlen und Gedächtnisbildung beteiligt).

Aus dem Humanbereich weiß man, dass Ablenkung durch eine erhöhte Aufmerksamkeit und positive Emotionen Schmerzen und eine Schmerzentstehung verringern können. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum ein Pferd, das eigentlich lahm geht, auf dem Paddock lahmfrei mit seinen Herdenkumpels spielt oder wild bockend über die Wiese rennen kann.

Mit unseren Pferden können wir nicht sprechen, ich bin mir aber sicher, dass dies auch für Pferde gilt und ein Pferd in einem positiven Trainings- und Lebensumfeld weniger stark den Schmerz empfindet als ein Pferd, das im Training und in seinem Alltag im Stall zusätzlich Stress hat.

Spannend in dem Zusammenhang ist auch, dass Islandpferde als Pferde gelten, die sehr robust sind und Schmerz erst spät zeigen. Liegt das daran, dass sie noch recht ursprünglich sind und das Zeigen von Schmerz Schwäche und damit ein potentielles Gefressenwerden bedeutet? Oder sind sie oftmals aufgrund ihrer Haltung zufriedener – weil sie ja tendenziell eher draußen und Herden gehalten werden – und haben daher weniger Schmerz? (Wobei ich ganz klar sagen möchte, dass Offenstallhaltung nicht per se artgerechter und pferdefreundlicher ist, denn wenn viel zu viele Pferde auf viel zu kleinem Raum zusammenleben, ist das alles andere als artgerecht. Dennoch leben diese Pferde in einer Herde – anders als ein Pferd, das allein in einer Box steht… Oder zeigen sie ihre Schmerzen einfach so geringfügig, dass man dies leicht übersehen kann? Dies sind Gedanken, die mir dazu kamen und die ich einfach mal so in den Raum werfen möchte. Wenn du sie gedanklich mit mir weiterführen möchtest, schreib deine Gedanken gern in einem Kommentar unter den Beitrag!

Schmerz als Ausdruck eines Schutzbedürfnisses

Schmerz ist Ausdruck eines Schutzbedürfnisses und nicht die Ursache. Deswegen geht die Nozizeption auch über den eigentlichen Schmerzmoment hinaus, indem es zu einer Sensibilisierung des nozizeptiven Systems kommt und eigentlich ungefährliche mechanische oder thermische Reize die Nozizeptoren aktivieren. Dadurch kommt es zu Schonhaltungen und Kompensationsbewegungen wie Lahmheit. Dies soll dem Körper helfen, die Schmerzreize zu beseitigen und Heilungsprozesse zu fördern.

Schmerzen beim Pferd lindern

Was kann ich tun, wenn mein Pferd Schmerzen hat?

Dazu kann ich dir keine Patentlösung anbieten. In erster Linie geht es darum zu schauen, was die Ursache für die Schmerzen ist. Und hierfür gehört dein Pferd in die Hände deines Tierarztes. Schmerzen sind absolut vielfältig und reichen von Bauchschmerzen (Kolik) zu Hufrehe und Schmerzen durch Verletzungen der Haut bis hin zu bis hin Gelenkserkrankungen.

Mir geht es mit diesem Beitrag lediglich um die Schmerzwahrnehmung, die Sinnesempfindung Schmerz und was im Körper passiert, dass Schmerz überhaupt wahrgenommen wird. Und nur vor diesem Hintergrund kann ich dir ein paar Anregungen zur Schmerzlinderung mitgeben.

Mechanische Reize können Schmerzreize reduzieren

Besonders spannend in Bezug auf Schmerzen sind die interstitiellen Rezeptoren, die du im gesamten Körper und ganz besonders in den Faszien findest. Hierbei handelt es sich um freie Nervenendigungen, die auf mechanische Reize wie Druck und Dehnung reagieren. Gleichzeitig sind es polymodale Rezeptoren, die zudem auf thermische, chemische und noxische Reize reagieren. Außerdem haben diese Rezeptoren Verbindungen zum vegetativen Nervensystem, das unbewusste Körpervorgänge steuert. Diese interstitiellen Rezeptoren senden entweder Schmerz, thermische Reize oder mechanische Reize. Sie senden nicht alles zusammen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Bewegung oder andere sanfte mechanische Reize, wie sie bei einer Massage gesetzt werden, oder thermische Reize wie Wärme oder Kälte, Schmerzen lindern können.

Du kennst das sicherlich: Du stößt dich, reibst die Stelle und schon tut sie weniger weh. Oder du hast Rückenschmerzen, die durch Bewegung oder Wärme besser werden.

Beispiel: Rückenschmerzen beim Pferd

Nozizeptoren sind überall im Körper vorhanden und besonders zahlreich sind sie in den Faszien vertreten. In der neueren Faszienforschung geht man sogar davon aus, dass Schmerzen vor allem in den Faszien und nicht im Muskel entstehen. Beim Menschen weiß man zum Beispiel, dass vor allem die tiefe Rückenfaszie, die thorakolumbale Faszie, sehr, sehr viele Nozizeptoren besitzt und zu unerklärlichen chronischen Rückenschmerzen beiträgt.

Beim Pferd geht man davon aus, dass es ganz ähnlich ist.

Und nun überleg mal: Wie oft zwickt dir der Rücken? Möglicherweise geht es deinem Pferd ebenso. Du weißt es nur nicht, weil es dir nichts davon sagen kann,.

Und dann liegt der Sattel auf dem Pferderücken und drückt eventuell, du sitzt auf dem Pferderücken usw. Ich glaub du kannst dir ebenso gut wie ich ausmalen, wie viele Pferde vermutlich an Rückenschmerzen leiden…  

Lesetipp: Schmerzen beim Pferd erkennen – RPlus

Beispiel: Monotone Bewegung löst Schmerz aus

Auch monotone Bewegungen bzw. fehlende Bewegungen können Schmerzen auslösen. Wenn beispielsweise ein Pferd immer die gleiche Haltung einnehmen muss, weil es durch Ausbinder oder die Hand des Reiters in dieser einen Körperposition festgehalten wird, kommt es zu einer Überlastung der Muskulatur, zu Sauerstoffmangel, Verkrampfungen usw. Die Nozizeptoren reagieren und die Überlastung, die mit einer drohenden Gewebeschädigung einhergeht, wird als Schmerz wahrgenommen.

Aus diesem Grund ist es auch so wahnsinnig wichtig, dass du deinem Pferd im Training immer wieder Pausen gibst und einen Wechsel aus Anspannung und Entspannung bzw. Dehnung forderst.

Lesetipp: Muskelprobleme beim Pferd

Schmerz verändert die individuelle Körperwahrnehmung

Schmerz und Lahmheiten sorgen dafür, dass sich die individuelle Körperwahrnehmung und damit das Verhalten des Pferdes verändert. Gelenkbewegungen werden zu verhindern versucht und Muskeln kompensieren andere Muskeln, um Schmerz zu vermeiden.

Ist die Erkrankung verklungen und der Bewegungsapparat wieder intakt, kann es noch eine Weile dauern, bis das ursprüngliche Bewegungsmuster zurückkommt. Du kennst das von dir bestimmt auch, in Erwartung von Schmerzen behältst du deine Schonhaltung noch eine Weile ein. Dies liegt am Schmerzgedächtnis.

Hinzu kommt, dass jede Gewebeschädigung auch das Nervengewebe betrifft und damit die Reizwahrnehmung verschlechtert, weil Rezeptoren und Nervenfasern zerstört werden. Auch dies trägt zu einer Veränderung und Verschlechterung der Körperwahrnehmung bei.

Hier kannst du deinem Pferd unter anderem mit Sensomotoriktraining helfen, das Vertrauen in den eigenen Körper wieder herzustellen. Du arbeitest beim Sensomotoriktraining im Schritt und gibst deinem Pferd Übungen, bei denen es den Körper und einzelne Körperteile bewusst und gezielt einsetzen muss. Es bekommt dabei unterschiedliche Reize, die gezielt den Gleichgewichtssinn und die Eigenwahrnehmung ansprechen und deinem Pferd helfen sollen, sein ursprünglich gesundes, physiologisches Bewegungsmuster zurückzuerhalten.

Außerdem hast du so die Möglichkeit, die interstitiellen Rezeptoren von Nozizeptoren zu Mechanorezeptoren zu machen und so das Schmerzempfinden deines Pferdes herabsenken, indem du sanfte Bewegungen forderst, Wärme und Massagetechniken einsetzt.

Tipp: Wenn dich das Thema Reizwahrnehmung mehr interessiert, ist vielleicht mein Onlinekurs Sensomotorisches Pferdetraining etwas für dich:

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Sensomotorisches Training bedeutet, dass du auch die Sinnessysteme und das Gehirn in dein Training einbeziehst, um das Zusammenspiel von Gehirn, Nervensystem und Muskeln zu verbessern. Dies sorgt am Ende für eine bessere Koordination zwischen unterschiedlichen Muskeln bzw. innerhalb eines einzelnen Muskels, für ein besseres Körpergefühl des Pferdes, für mehr Stabilität und für verbesserte Bewegungsabläufe.

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